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Reimagining

Das Modellverfahren Mäusebunker steht für die Gestaltung eines Prozesses  – hin zu einer nutzungs­orientierten Analyse und Um­deutung dieser sperrigen, ikonen­haften Architektur.

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Gunnar Klack: Massiver Betonbestand und seine Potentiale

Ob ein Gebäude umgenutzt, umgebaut und transformiert werden kann, hängt von dessen Material und Konstruktionsweise ab. Eine massive Betonbauweise mag auf den ersten Blick als hinderlich erscheinen, kann jedoch sogar für einen Umbau vorteilhaft sein.

 

 

Ein Narrativ kann gesprochen oder geschrieben, gelesen oder gehört werden. Es kann von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgegriffen, verändert und weitergetragen sowie innerhalb eines Diskurses von verschiedenen Akteur*innen am Leben erhalten werden. Dabei kann ein Narrativ auch nur in Bruchstücken rezipiert und transportiert werden. Dass die Bauten der Nachkriegsmoderne besonders schwer zu sanieren, umzunutzen oder denkmalpflegerisch zu konservieren seien, ist ein solches Narrativ innerhalb des architektonischen Fachdiskurses.  Es ist fast gängige Lehrmeinung, dass mit einem Jahrhundertwende-Bau einfacher umzugehen ist als mit einem Gebäude der Nachkriegsmoderne und wir haben uns daran gewöhnt, dass Bauten der Kaiserzeit für heutige Zwecke umgenutzt werden. Wenn es Planer*innen jedoch gelungen ist, einem vermeintlich problematischen Gebäude der 1950er, 1960er oder 1970er Jahre neues Leben einzuhauchen, ruft dies weiterhin allseitiges Erstaunen hervor. Dieses Narrativ kann jedoch nicht die ganze Wahrheit sein, denn es existiert keine universelle Eigenschaft der Nachkriegsmoderne, die alle Bauten aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 dazu verdammt, als architektonische Einwegflaschen zu gelten. Die wichtigste Überlegung hierzu sollte sein, dass es nicht die eine Architektur der Nachkriegsmoderne gibt. Wenn etwas die Entwicklung der Architektur des 20. Jahrhunderts auszeichnet, dürfte es die Mannigfaltigkeit von Bautechniken und -materialien sein. Bauten der Nachkriegsmoderne können experimentell und leicht, traditionell und schwer, überambitioniert, naiv, simpel, komplex, universell, spezifisch, modular, offen, geschlossen, warm, kalt oder alles andere sein. Wie kann man sich nun also thematisch der Umnutzung von Bauten der Nachkriegsmoderne annähern, ohne durch das vorherrschende Narrativ beeinflusst zu werden?

Außenansicht eines Gebäudes im Studentendorf Schlachtensee. Die Fassade besteht größtenteils aus filigranen, schwarz lackierten Fensterbändern.
Studentendorf Schlachtensee, Berlin, erster Bauabschnitt, 1956–1959, Fehling-Gogel-Pfankuch

Bild: Peter Kuley

Innenaufnahme des Berlin-Pavillons von Fehling + Gogel. Im Bildhintergrund sieht man die äußerst filigrane Glasfassaden-Konstruktion.
Berlin-Pavillon, Hansaviertel, 1956–1957, Fehling, Gogel & Pfankuch

Bild: Bert Sass, Landesarchiv Berlin

Ein großer Unterscheidungsfaktor beim Umgang mit bestehenden Gebäuden aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die entweder sehr sparsame oder überproportionierte Verwendung von Baumasse: Gerade die Materialknappheit der unmittelbaren Nachkriegszeit hat viele leichte und materialsparende Konstruktionen hervorgebracht. Ein bekanntes Beispiel aus Berlin ist das Studentendorf Schlachtensee (1956–1959) der Architekten Fehling,Gogel und Pfankuch, dessen Pavillonbauten mit minimalem Materialeinsatz errichtet worden sind. Auch der Berlin-Pavillon (1956–1957) derselben Planer ist eine ausgesprochen leichte Konstruktion. Bei der Sanierung – und im Fall des Berlin-Pavillons der Umnutzung – bestand eine große Herausforderung in der Anpassung der leichten Konstruktionen an aktuelle Energiespar-Anforderungen. Auch die Interbau-Häuser von Arne Jacobsen und Johannes Krahn sind ursprünglich so materialsparend ausgeführt worden, dass die neuen Dachabdichtungen aus statischen Gründen besonders leicht ausfallen mussten. Umso leichter die Konstruktion, desto kniffeliger werden Modernisierungen und Umnutzungen. Stahlskelettbauten sind per Definition leichte Konstruktionen, während Mauerwerksbauten je nach Ausführungsart leicht oder massiv sein können. Auch Betonbauten lassen sich mit unterschiedlicher Massivität konstruieren.

Vogelperspektive auf das Gebäude La Fábrica von Ricardo Bofill. Auffällig ist der starke Kontrast zwischen massiver Betonfassade und dichter Begrünung.
La Fábrica, ehemalige Zementfabrik in Sant Just Desvern, Katalonien, Umbau 1973–1975 von Ricardo Bofill

Bild: Till F. Teenck

Detailaufnahme der Fassade von Ricardo Bofills La Fábrica mit in die alte Fassade neu eingelassenem Fenster.
Detailaufnahme von Ricardo Bofills La Fábrica mit neuem Fenster.

Bild: Pere López

Bestandsgebäude, die verhältnismäßig massive Betonkonstruktionen besitzen, können starke Eingriffe in die Bausubstanz leichter verkraften. Bekannte Beispiele hierfür sind Umnutzungen von Betonsilos und Betonbunkern. Ricardo Bofill transformierte 1973–1975 eine alte Zementfabrik in einen Komplex zum Wohnen und Arbeiten. Das Projekt im spanischen Sant Just Desvern nannte Bofill La Fàbrica. Da die ursprüngliche Betonkonstruktion für das Zementmahlwerk sehr massiv und robust war, konnte Bofill recht freizügig in die vorhandene Bausubstanz eingreifen, ohne deren Standfestigkeit zu gefährden oder deren Charakter zu verfälschen. Zu einer ähnlichen Zeit – von 1977 bis 1986 – unternahm man in São Paulo ein ähnliches Umnutzungsvorhaben. Das Projekt Fábrica da Pompéia der Architektin Lina Bo Bardi gilt nicht nur als beispielhaft in Bezug auf postindustrielle Umnutzungen, es ist auch eines der prominentesten Beispiele für brutalistische Architektur überhaupt.

Blick auf die massive Betonfassade mit roten Details von Lina Bo Bardis SESC Pompéia.
SESC Pompéia, genannt Fábrica da Pompéia, ehemalige Fass-Fabrik in São Paulo, Brasilien, Umbau zum Sport- und Kulturzentrum 1977–1986, Lina Bo Bardi

Bild: Markus Lanz

Blick von einer der Verbindungsbrücken des SESC Pompéia. Im Hintergrund sieht man die Skyline von Sao Paulo.
Die ikonischen Brücken verbinden Alt- und Neubau des Kulturkomplexes.

Bild: Markus Lanz

Innenaufnahme des SESC Pompéia. Man sieht hölzerne Sitzmöglichkeiten, eine Feuerstelle und das Fach-Tragwerk der ehemaligen Fabrikhalle.
Innenraum des Altbaus ist durchzogen von einem künstlichen Wasserlauf.

Bild: Markus Lanz

Genau wie bei Bofills Umbau konnte man auch die Fábrica da Pompéia – dank der massiven Betonkonstruktion – recht frei in ein öffentliches Kultur- und Sportzentrum umgestalten. Besonders interessant im Hinblick auf die konstruktiven Möglichkeiten ist das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (2011–2017) in Kapstadt. Der Entwurf des Studio Thomas Heatherwick schnitt aus einer Gruppe von 42 Getreidesilo-Röhren einen kugelförmigen Hohlraum aus, der im Inneren des Gebäudes eine große Halle entstehen lässt. Die einzelnen Betonröhren der Silos bieten genügend Stabilität, um ein großes Stück aus dem Gebäude herauszuschneiden. Die geschwungenen Betonkanten der aufgeschnittenen Siloröhren besitzen wiederum eine eigene gestalterische Qualität, die zum Hauptmerkmal des gesamten Museumsbaus geworden ist.

Außenansicht des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa. Man sieht einen gepflasterten Vorplatz, viele Menschen vor dem Museum und angeschnitten die Silotürme.
Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, Kapstadt, Südafrika, ehemalige Getreidesilos, Umbau 2011–2017, Studio Thomas Heatherwick

Bild: victortsu

Innenansicht des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa. Die angeschnittenen Silotürme ergeben in ihrer Gesamtform eine skulpturale Form.
Das Anschneiden der Betonröhren des alten Silos ergibt eine völlig neue Formensprache.

Bild: victortsu

Weitere extreme Beispiele für die Umnutzung massiver Betonbauten sind die transformierten Hochbunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Da die statischen Anforderungen des Luftschutzes weit über normale Belastungen hinausreichten, sind die alten Hochbunker-Konstruktionen für heutige Nutzungen viel zu überdimensioniert. So trägt der Hochbunker, in dem sich die Kunstsammlung Boros befindet, heute einen großzügigen Dachaufbau, ohne die Altbausubstanz maßgeblich zu beeinträchtigen. Der Flakturm VI in Hamburg-Wilhelmsburg wurde von 2006 bis 2010 im Rahmen der Bauausstellung IBA Hamburg zum sogenannten Energiebunker umgebaut und dient jetzt der Stromerzeugung und Wärmespeicherung. Ähnlich radikal ist die Umnutzung des Wiener Flakturms im Esterházypark. Dieser Hochbunker beherbergt seit 1957 das Haus des Meeres. Die Aufstockung aus dem Jahr 2000, die ein neu entstandenes Tropenhaus beherbergt, ist ein Entwurf des namhaften österreichischen Architekten Wilhelm Holzbauer (1930–2019).

Südfassade des Energiebunkers Wilhelmsburg. Man sieht die rohe Betonfassade mit einer davor installierten Struktur für eine Photovoltaikanlage.
Hochbunker in Hamburg-Wilhelmsburg, ehemaliger Flakturm VI, Umbau zum Energiezentrum, 2010–2013, HHS Planer und Architekten

Bild: NordNordWest

Außenansicht des ehemaligen Flakbunkers im Esterhazy-Park in Wien, der heute das Haus des Meeres beherbergt. Eine keilförmiger Anbau aus Glas fügt sich an den Bestand an. Im oberen Viertel der Fassade ist der Schriftzug "ZERSCHMETTERT IN STÜCKE (IM FRIEDEN DER NACHT)" zu lesen.
Hochbunker Wien-Esterházypark, ehemaliger Flakturm V, Nutzung als Haus des Meeres ab 1956, Erweiterung 1999, Wilhelm Holzbauer

Bild: Thomas Ledl

Auch jenseits der konstruktiven Vorteile können sich ältere, massive Betonbauten für heutige Nutzungen eignen – sogar unter den aktuellen Anforderungen an den Wärmeschutz. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Berliner Unité d’Habitation von Le Corbusier und André Wogenscky, das sogenannte Corbusierhaus (1956–1958). Dessen kompakte Form und Größe, das günstige Verhältnis von Volumen zu Oberfläche sowie dessen stark dimensionierte Betonteile führen dazu, dass die Energiebilanz des Gebäudes auch ohne Wärmeschutzsanierungen insgesamt sehr gut ausfällt. Auch die Energiebilanz muss ganzheitlich berechnet werden und darf sich nicht auf isolierte Indikatoren beschränken.   

Dr. Gunnar Klack

ist zusammen mit Felix Torkar Gründer der Initiative und Petition zum Erhalt des Mäusebunkers. Er studierte Architektur an der Universität der Künste in Berlin und promovierte an der Technischen Universität Berlin. In verschiedenen Positionen ist er für die Berlinische Galerie (2013–2015), das Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin (2016–2017), das Historisch-Technische Museum Peenemünde (2018–2019) und das Landesdenkmalamt Berlin (2019) tätig gewesen. Klack ist Mitglied des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS.