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Architektur

Im Rahmen des Modell­verfahrens Mäusebunkers soll die Diskussion um Denkmal­würdigkeit und Erhalt des ikonischen Gebäudes im inter­nationalen Diskurs der Bau­kultur geführt werden.

 

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Gunnar Klack: Geschichte und städtebaulicher Kontext des Mäusebunkers

Die Freie Universität Berlin errichtete außerhalb des Dahlemer Campus große Lehr- und Forschungsgebäude in Steglitz-Lichterfelde. Neben dem Mäusebunker beherbergt der Campus Benjamin Franklin mit dem Klinikum Steglitz und dem Hygieneinstitut zwei weitere bedeutende Betonbauten der Nachkriegsmoderne.

 

Der Mäusebunker gehört zu den architektonischen Extremen der Nachkriegsmoderne, weshalb es nicht verwundert, dass er bereits seit seiner Bauzeit in der Kritik steht: Zu Beginn störte man sich an den hohen Baukosten, danach an der Nutzung für Tierversuche, ein anderes Mal missfiel die technisch-industrielle Ästhetik – oder die Asbestbelastung – sowie zuletzt der unverantwortlich hohe Energieverbrauch.  Die Einzigartigkeit des Gebäudes würde hingegen niemand bestreiten. Tatsächlich handelt es sich bei dem Bau in Lichterfelde keineswegs um ein gedankenlos abgestelltes Seitenprodukt betonwütiger Technokratie, sondern vielmehr um ein ausgeklügeltes Werk von hohem baukünstlerischem Anspruch. Einerseits lassen sich die verschiedenen Funktionsbereiche des Gebäudes anhand der Fassadenelemente – Lüftungsrohre für die Technikgeschosse, Dreiecksgauben für die Labore und reguläre Fenster für die Büros – ablesen, andererseits übersetzen sie den gefährlichen Charakter der Bauaufgabe in eine maximal wehrhafte und unheimliche Ästhetik. Die Gestaltung des Mäusebunkers, sein städtebaulicher Kontext sowie die Entstehungs-, Nutzungs- und Rezeptionsgeschichte machen das Gebäude zu einem aussagekräftigen Artefakt der Baugeschichte Berlins in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Aussenansicht des Mäusebunkers, rechts im Bild sind Wohngebäude und Wolken im Hintergrund
Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin, Eingangsbereich an der Krahmerstraße, Aufnahme 2017

Bild: Felix Torkar

Die Planung des sogenannten Mäusebunkers begann zwischen 1965 und 1967 unter dem Architektenpaar Gerd und Magdalena Hänska, während die Ausführungsplanung und Bauleitung ab 1971 durch Gerd Hänska und Kurt Schmersow weitergeführt wurde. Mit einer Unterbrechung der Bauarbeiten von 1975 bis 1978 wurde das Gebäude 1981 fertiggestellt. Gerd Hänska (1927–1996) gehörte zu den prägenden Architekten der Berliner Nachkriegsmoderne. Er plante zahlreiche Bauten für Forschung, Lehre und Gesundheit sowie großmaßstäblichen Geschosswohnungsbau. 

Aussenansicht Mäusebunker von Eingangsbereich mit Treppenaufgang an sonnigem Tag
Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin, Eingangsbereich an der Krahmerstraße und Westseite des Gebäudes, Aufnahme 2017

Bild: Felix Torkar

Das heute als „Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin“ bezeichnete Gebäude war bis zu seiner Übernahme durch die Charité 2003 offiziell als „Zentrale Tierlaboratorien der FU Berlin“ bekannt. Es handelt sich um einen langgezogenen, betonsichtigen Pyramidenstumpf von 143m Länge und 38m Breite, dessen Größe und Ästhetik mit der umliegenden Stadtrandbebauung bricht. Der Spitzname „Mäusebunker“ bezieht sich neben der ursprünglichen Nutzung auf die evident wehrhafte Anmutung des Gebäudes: So erinnern die geneigten Außenwände an die geböschten Mauern einer barocken Verteidigungsschanze und die auskragenden Belüftungsrohre an Kanonen aus dem Rumpf eines Kriegsschiffs der deutschen kaiserlichen Marine, was den zweiten Spitznamen „Panzerkreuzer Potemkin“ erklärt.  

Eine besondere Bedeutung hat der städtebauliche Zusammenhang des Mäusebunkers: Die Berliner Teilung hatte bekanntermaßen zur Folge, dass Institutionen mit Standorten im Ostteil der Stadt im Westen neu eingerichtet wurden. So veränderte sich mit Gründung der Freien Universität die Struktur des südwestlichen Westberlins grundlegend. Zunächst baute man in Dahlem und Zehlendorf, doch mit steigenden Studierendenzahlen erschloss man zunehmend auch Flächen in Steglitz. Der Bau des Benjamin-Franklin-Klinikums 1959–1968, ein von den Vereinigten Staaten gefördertes Großvorhaben, sollte einerseits die Verbundenheit mit Westberlin symbolisieren und läutete andererseits eine neue Phase der baulichen Entwicklung für Steglitz-Lichterfelde ein. Nach dem Mauerbau 1961 galt es, Westberlin als einen bevorzugten Standort für Wissenschaft auszubauen. Die wissenschaftlichen Institutsneubauten der FU der 1960er und 1970er Jahre waren deutlich größer und aufwändiger als die frühen Bauten auf dem Dahlemer Campus und so entstand innerhalb kürzester eine solide Infrastruktur für Forschung und Lehre auf internationalem Niveau.

Ansicht Fassadendetail vom Mäusebunker, dunkelgrauer Beton und blaue Lüftungsrohre
Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin, Belüftungsrohre und Fenstergauben an der Ostseite, Aufnahme 2017

Bild: Felix Torkar

Das bereits erwähnte Klinikum Steglitz, das bereits als Megastruktur bezeichnet werden, bildet den städtebaulichen Auftakt für eine beeindruckende Gebäudegruppe zwischen Hindenburgdamm und Teltowkanal, die heute als Campus Benjamin Franklin bezeichnet wird. Neben einer Anzahl kleinerer Gebäude sind es vor allem drei Großbauten, die den Campus Benjamin Franklin strukturieren: Der eigentliche Krankenhausbau im Norden des Campus, das Hygieneinstitut zwischen Schlosspark Lichterfelde und Krahmerstraße und der Mäusebunker zwischen Krahmerstraße und Bäkestraße. Das Ensemble tritt vom historischen Lichterfelde aus gesehen kaum in Erscheinung. Das wahre Ausmaß der Großbauten ist nur vom Teltowkanal oder aus direkter Nähe zu ermessen.

Aussenansicht Universitätsklinikum Benjamin Franklin mit Gitterfassade aus Metall an sonnigem Tag
Universitätsklinikum Benjamin Franklin, die äußerste Schicht des Gebäudesockels besteht aus des sogenannten Screens aus vorgefertigten Betonteilen, Aufnahme 2018

Bild: Gunnar Klack

Bei allen drei Großbauten verwendete man ausschließlich Sichtbeton als Fassadenmaterial – in jeweils unterschiedlicher Ausführung und Wirkung: Die ornamentalen Beton-Fertigteil-Screens des Klinikums entstammen dem für die USA der 1950er typischen „New Formalism“, für den auch die Architekten Curtis & Davis bekannt waren. Das Gebäude steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Bei dem etwas jüngeren Hygieneinstitut wurde die Gebäudehülle in brettgeschaltem Sichtbeton ausgeführt und die ausladende, expressiv geschwungene Form aus der Hand der Architekten Fehling + Gogel offenbart den Geist der 1960er. Seit 2021 ist auch dieses Gebäude ein eingetragenes Kulturdenkmal. Der Mäusebunker hat eine Fassade aus vorproduzierten Fertigteilen, die weder ornamental noch organisch wirkt, sondern vielmehr einen industriellen High-Tech-Charakter besitzt. Die Dreiecks-Fenstergauben und blau lackierten Lüftungsrohre des Mäusebunkers erinnern an die Pop-Art-Architektur von Archigram und das Centre Pompidou, womit sich das Gebäude eindeutig den 1970er Jahren zuschreiben lässt.

Aussenansicht Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Fassade mit Sichtbeton, davor Parkplatz und links ein Baum
Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Eingangsbereich an der an der Krahmerstraße, Aufnahme 2017

Bild: Felix Torkar

Aussenansicht Fassade des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, mit sichtbaren Strukturen von Verschalung
Institut für Hygiene und Umweltmedizin, brettergeschalter Sichtbeton an der südöstlichen Gebäudeecke an der Krahmerstraße, Aufnahme 2017

Bild: Felix Torkar

Auch funktional sind die drei Bauten miteinander verknüpft, denn zugespitzt könnte man sie als eine wissenschaftlich-medizinische Fertigungsstraße interpretieren. Im nördlichen Gebäude (Klinikum) werden Menschen behandelt, im mittleren Gebäude (Hygieneinstitut) werden Krankheitserreger erforscht und im südlichen Gebäude (Mäusebunker) Impfstoffe und Medikamente getestet. Zwischen den einzelnen Gebäuden bestehen nicht nur Blickbeziehungen; Hygieneinstitut und Mäusebunker sind auch durch einen unterirdischen Tunnel miteinander verbunden. Die Bauten des Campus Benjamin Franklin verdeutlichen eindrucksvoll, wie stark Architektur und Stadtplanung dem wissenschaftlichen Fortschritt damals verpflichtet waren. Im Namen der medizinischen Forschung entstanden hier drei kompromisslose und einzigartige Großskulpturen.

Dr. Gunnar Klack

ist zusammen mit Felix Torkar Gründer der Initiative und Petition zum Erhalt des Mäusebunkers. Er studierte Architektur an der Universität der Künste in Berlin und promovierte an der Technischen Universität Berlin. In verschiedenen Positionen ist er für die Berlinische Galerie (2013–2015), das Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin (2016–2017), das Historisch-Technische Museum Peenemünde (2018–2019) und das Landesdenkmalamt Berlin (2019) tätig gewesen. Klack ist Mitglied des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS.