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Architektur

Im Rahmen des Modell­verfahrens Mäusebunkers soll die Diskussion um Denkmal­würdigkeit und Erhalt des ikonischen Gebäudes im inter­nationalen Diskurs der Bau­kultur geführt werden.

 

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Prof. Dr. Silke Langenberg: Zum baulichen Erbe der 1960er- und 1970er-Jahre, neue Ansätze in der Nachnutzung und mögliche nächste Schritte zur Zukunft des Mäusebunkers

Im Gespräch mit Felix Torkar, Juli 2021

 

 

Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre haftet das Image an, im Vergleich zu Gründerzeitbauten besonders schwierig um- oder nachnutzbar zu sein. Ist das gerechtfertigt?

Das kann man so pauschal nicht sagen, es kommt sehr auf das Bauwerk an. Gerade in den 1960er- und 1970er-Jahren sind sehr viele Bauten unter dem Grundsatz der Flexibilität und Erweiterbarkeit gebaut worden, auf die das in keiner Weise zutrifft. Natürlich gibt es aber auch Objekte, die sich grundsätzlich weniger eignen, nach- oder umgenutzt zu werden. Die gibt es jedoch aus jedem Jahrzehnt.

Gerade Bauten des Brutalismus haben bis heute ein Imageproblem. Da ist zum einen die wehrhafte, monumentale Sichtbetonästhetik, zum anderen die häufig schlechte Instandhaltung, die vielen Gebäuden zu schaffen macht. Was kann hier die Vermittlung leisten?

Es gab vor einiger Zeit die wunderbare Ausstellung und Datenbank „SOS Brutalismus“ am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main und verschiedenen Folgeorten. Ich glaube, das hat wesentlich zur Akzeptanz vieler Bauten beigetragen. Viele Menschen sehen die Objekte nun mit anderen Augen. Sicher ist es auch gut, die Gebäude in Abbildungen aus ihrer Entstehungszeit zu zeigen, sodass man sie sich in ihrer ursprünglichen Ästhetik vorstellen kann, denn Alterung und spätere Verunklarungen haben – wie Sie ganz richtig sagen – nicht unbedingt zu einem besseren Image der Bauten beigetragen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch wieder anders wahrgenommen werden könnten, wenn man sie entsprechend herrichtet.  Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Bauten des Brutalismus im Vergleich zu der großen Masse an Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre fast positiver wahrgenommen werden, weil sie durch ihre expressive Gestaltung herausstechen. 

Bauten dieser Zeit erreichen inzwischen ein Alter, in dem vielerorts Umnutzungen und größere Umbauten anstehen. Wie hat sich der Umgang mit diesem Bestand in den letzten Jahren verändert?

Es kommt sehr auf die Bestände an und natürlich auch darauf, ob ein Gebäude ein Schutzobjekt ist oder nicht. Mittlerweile hat auch die Debatte um den Ressourcenverbrauch im Bauwesen dazu geführt, dass dem Umgang mit dem Bestand mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.  Auch wenn ein Objekt nicht unter Schutz steht, ist sein materieller Erhalt sinnvoll. Wenn man die Grundstruktur, also den ursprünglichen Rohbau, die schweren Bauteile stehen lässt, steht man bezüglich Energiebilanz ja schon mal nicht ganz so schlecht da. Das wäre einem Abbruch daher vorzuziehen. Ich habe das Gefühl, da passiert in den letzten Jahren auch tatsächlich einiges. 

Der Mäusebunker ist ein ungewöhnlicher Bau. Wie schätzen Sie seinen Denkmalwert ein?

Beim Mäusebunker stellen sich eigentlich die gleichen Fragen wie beim Umgang mit früheren „Bauten des Industriezeitalters“. In gewisser Weise ist es ja eine gebaute Maschine, die relativ schwierig nachzunutzen ist. Das heißt aber nicht per se, dass es nicht geht. Es sind ja auch am Mäusebunker schon viele Dinge ausprobiert, bzw. konzeptionell von Studierenden und von Kolleg*innen durchgespielt worden. Man kann sicher ein Nachnutzungskonzept finden, auch wenn es kein einfaches Objekt ist.  Meiner Meinung nach ist der Bau nicht nur für die Charité ein wichtiger Zeitzeuge. Dass er nicht mehr entsprechend seiner ursprünglichen Bestimmung genutzt wird, könnte man im Übrigen auch positiv konnotieren – man lässt ihn also stehen, um zu zeigen, dass man sich von dieser Art der Tierversuche abgewandt hat. Der Bau dokumentiert diese Vergangenheit – auch mit einer anderen Nutzung. 

Flexibel geplante Gebäude können einfacher umgenutzt werden. Der Mäusebunker ist hingegen in seiner Funktionsweise sehr spezifisch. Welche Wege könnten hier für eine Nachnutzung eingeschlagen werden?

Die Ausgangsfrage ist sicher erst einmal, ob er als Denkmal geschützt wird oder nicht? Und dann, was integraler Bestandteil des Schutzumfangs ist? Also was soll bzw. muss erhalten bleiben? Wenn es als Gesamtobjekt, inklusive technischer Ausstattung, Raumstrukturen etc. unter Schutz gestellt wird, ist die Nachnutzung vermutlich schwieriger. Ich bin mir aber sicher, dass man mit den Kolleg*innen vom Denkmalamt ins Gespräch kommen kann.  Wenn man zu dem Schluss kommt, dass der Mäusebunker kein Schutzobjekt ist, hat man natürlich mehr Freiheiten und kann stärker eingreifen – oder ihn sogar abbrechen. Das ist dann Abwägungssache. Wenn man das Objekt halten möchte, wird man eine Lösung finden.

Nur weil ein Gebäude unter Denkmalschutz steht, muss das nicht unbedingt heißen, dass es im hundertprozentigen Original-Zustand verbleiben muss. Wie flexibel können da die Denkmalämter agieren?

Auch das kommt wieder sehr stark auf das Objekt und den Dialog an. Das Richtige wäre in so einem Fall sicher, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln und abzuwägen. Ein Objekt ungenutzt herumstehen zu lassen, strebt sicher niemand an. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Bei einem Objekt wie dem Mäusebunker wird man vielleicht nicht jede einzelne Schraube halten können. Ein wesentlicher Punkt ist sicher die Haustechnik, die wahrscheinlich angepasst werden muss. Die Frage wäre, wie viel man auch davon im Original halten kann. Das sind die genannten Abwägungsprozesse. Dass ein Gebäude durch den Denkmalschutz „eingefroren und unter eine Glasglocke“ gestellt wird, entspricht einfach nicht der Realität. 

Im Mäusebunker wurden gewaltige Ressourcen verbaut. Wie wirkt sich das auf die Zukunftsplanung aus?

Wie bereits eingangs gesagt: Rein aus ressourcenökonomischen Gründen wäre es sicher sinnvoll, das Objekt stehenzulassen. Wenn man bilanziert, welche Verluste an Material und grauer Energie mit einem Abbruch einhergehen, wird sich das vermutlich kaum rechnen. Darüber hinaus ist natürlich auch der Abbruch selbst mit Kosten und Aufwand verbunden. Einen „Bunker“ abzubrechen ist meist sehr teuer und auch schwierig. Und letztlich ist dieses Gebäude ja genau das, als was der Volksmund es beschreibt.  Ehrlich gesagt finde ich die Diskussion um Ressourcen im Fall des Mäusebunkers aber etwas befremdlich. Das sind Fragen, die man sich doch eher bei größeren Gebäudekomplexen und Beständen stellen muss, die keine Schutzobjekte sind. Da ist das Ressourcen-Thema das Wesentliche – also der gigantische Verlust an Material und Energie im Fall eines Abbruchs.  Bei offensichtlichen Schutzobjekten – was der Mäusebunker meiner Meinung nach ist – muss man eigentlich nicht mit dem Thema Ressourcen kommen. Das ist vielleicht ein Zusatzargument, aber in diesem Fall sicher nicht der Hauptgrund, warum man dieses Objekt erhalten sollte.

Silke Langenberg

ist Professorin für Konstruktionserbe und Denkmalpflege am Departement Architektur der ETH Zürich. Ihre Professur ist sowohl dem Institut für Denkmalpflege und Bauforschung (IDB) als auch dem Institut für Technologie in der Architektur (ITA) zugehörig. Seit ihrer ingenieurwissenschaftlichen Dissertation zum Thema „Bauten der Boomjahre“ beschäftigen sich ihre Forschungsarbeiten mit Versuchen zur Rationalisierung von Bauprozessen sowie Fragen der Entwicklung, Reparatur, Würdigung und langfristigen Erhaltung von seriell, industriell und digital hergestellten Konstruktionen. 

Felix Torkar

ist zusammen mit Gunnar Klack Gründer der Initiative und Petition zum Erhalt des Mäusebunkers. Der Architekturhistoriker studierte Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und war als kuratorischer Assistent am Deutschen Architekturmuseum für die Ausstellungen SOS Brutalismus und Making Heimat: Germany, Arrival sowie als Produktionsleiter für die Ausstellung Unbuilding Walls (Deutscher Pavillon, Architekturbiennale Venedig 2018) tätig. Gegenwärtig promoviert er als Stipendiat der Wüstenrot Stiftung an der FU Berlin zum Thema Neobrutalismus.