Außenaufnahme des NCAR in Berg-Landschaft eingebettet
NCAR in Boulder, Colorado, 1961–66

Bild: Tom Ross

Themen

Architektur

Im Rahmen des Modell­verfahrens Mäusebunkers soll die Diskussion um Denkmal­würdigkeit und Erhalt des ikonischen Gebäudes im inter­nationalen Diskurs der Bau­kultur geführt werden.

 

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I.M. Pei: NCAR – Schöner Forschen

Das National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado ist einer der außergewöhnlichsten brutalistischen Forschungsbauten. Obwohl sich seine Funktionsweise mehrmals radikal veränderte, hat der Bau durch intelligente Umnutzungen bis heute nichts von seiner Ausdruckskraft verloren.  

Außenaufnahme des NCAR (National Center for Atmospheric Research) in Boulder, pfirsichfarbenes Sichtbetongebäude
NCAR in Boulder, Colorado, 1961–66

Bild: Tom Ross

Dass eine Um- oder Nachnutzung auch bei hochspezifischen Laborbauten wie dem Mäusebunker möglich ist, zeigt das National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder, CO, USA. Nachdem er sich in einem hochkarätigen Architekturwettbewerb gegen Kontrahenten wie Louis Kahn durchsetzen konnte, plante der damals noch junge Architekt I.M. Pei den brutalistischen Komplex 1961-66 für praktische Versuchsanordnungen der Atmosphärenforschung. Bei der Anordnung ließ er sich von Klöstern inspirieren und gruppierte die Gebäudeteile um einen zentralen Hof. Um die charakteristische Färbung der Landschaft zu spiegeln, wurde dem Beton rötlicher Sand aus der Umgebung beigemischt. Die mächtigen, zerklüfteten Baukörper stehen wie Großskulpturen in der Berglandschaft. Sie bilden gleichzeitig mit ihren geometrischen Formen einen starken Kontrast zur Umgebung und gehen durch ihren felsenartigen, gefärbten und behauenen Sichtbeton dennoch eine starke Beziehung mit der Landschaft ein. 

Bild zeigt eineTerrasse mit Blick auf die Berge von dem NCAR (National Center for Atmospheric Research)
NCAR in Boulder, Colorado, 1961–66

Bild: Tom Ross

Das Forschungsfeld veränderte sich nach der Fertigstellung rasch und umfassend weg von praktischen Experimenten und hin zu simulierten Computermodellen. Somit veränderte sich hier zwar nicht das Forschungsfeld, aber die eingesetzten Mittel so stark, dass eine weitreichende Umstrukturierung notwendig wurde. Dies geschah durch unterirdische Erweiterungen und Ergänzungen wie ein kleines, einzeln stehendes Serverzentrum, das sich sensibel in die Anlage einfügt und die Gestaltung von I.M. Peis Entwurf aufgreift. 

Detailansicht des NCAR (National Center for Atmospheric Research) in Boulder, Colorado, pfirsichfarbene Betonfassade mit Fenstern
NCAR in Boulder, Colorado, 1961–66

Bild: Tom Ross

Bei den Modernisierungen wurden auch ursprüngliche Bauschwächen behoben: Die oben in den Türmen liegenden, Krähennester genannten Büros, waren bei großer Hitze und Kälte kaum zu benutzen. Eine notorisch undichte Brunnenanlage sorgte im Winter für Eisflächen, bei Wind für nasse Wissenschaftler und tropfte immer wieder in die darunterliegenden Räume. Heute werden die meisten Computerberechnungen in weit entfernte Rechenzentren ausgelagert, womit sich der Raumbedarf des NCAR ein weiteres Mal gewandelt hat. Kontinuierliche Modernisierungen gehen weiterhin behutsam mit dem Baubestand um. So bleibt der ursprüngliche Gesamteindruck intakt, während die Umbauten gleichzeitig ermöglichen, dass der Komplex seiner ursprünglichen Aufgabe heute in gänzlich anderer Funktionsweise gerecht wird.  

Quellen/Fußnoten:

 

Oliver Elser (Hg.), Peter Cachola Schmal (Hg.), Philip Kurz (Hg.): SOS Brutalismus: Eine Globale Bestandsaufnahme, Zürich 2017, S. 122–123.

 

Stuart W. Leslie: »›A Different Kind of Beauty‹. Scientific and Architectural Style in I. M. Pei’s Mesa Laboratory and Louis Kahn’s Salk Institute«, in: Historical Studies in the Natural Sciences, 38 (2008), S. 173–221.    

I.M. Pei

(1917–2019) war ein amerikanischer Architekt mit chinesischen Wurzeln. Nach einem Architekturstudium am MIT und in Harvard unter Walter Gropius und Marcel Breuer, entwarf er über ein halbes Jahrhundert verteilt mehr als 200 Projekte wie den Bank of China Tower in Hong Kong, die Erweiterung des Louvre in Paris oder die Erweiterung des Deutschen Historischen Museums in Berlin. 1983 wurde er mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Felix Torkar ist zusammen mit Gunnar Klack Gründer der Initiative und Petition zum Erhalt des Mäusebunkers. Der Architekturhistoriker studierte Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und war als kuratorischer Assistent am Deutschen Architekturmuseum für die Ausstellungen SOS Brutalismus und Making Heimat: Germany, Arrival sowie als Produktionsleiter für die Ausstellung Unbuilding Walls (Deutscher Pavillon, Architekturbiennale Venedig 2018) tätig. Gegenwärtig promoviert er als Stipendiat der Wüstenrot Stiftung an der FU Berlin zum Thema Neobrutalismus. 

 

Fotografien von Tom Ross