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Das Modellverfahren Mäusebunker steht für die Gestaltung eines Prozesses  – hin zu einer nutzungs­orientierten Analyse und Um­deutung dieser sperrigen, ikonen­haften Architektur.

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Anne Lacaton: „Der Gebäudebestand ist der neue Baustoff von morgen“

Anne Lacaton setzt sich für eine intelligente Transformation und gegen den Abriss von Bestandsbauten ein. Ein herausragendes Beispiel für diesen Ansatz ist das Quartier du Grand Parc in Bordeaux, für das ihr Büro wohlverdient mit dem Mies van der Rohe Award 2019 ausgezeichnet wurde.

Außenansicht des Projekts "Quartier du Grand Parc" in Bordeaux. Zu sehen sind die vor die Bestandsfassade gesetzten Wintergärten mit transluzenter Verkleidung.
Quartier du Grand Parc, Bordeaux nach der Transformation

Bild: Philippe Ruault

Die Wertschätzung des Bestehenden ist für mich keine konservative Haltung, sondern eine (oft vergessene) Methode der Kontinuität und Bereicherung. Sie beruht auf einer Philosophie der Fürsorge und ist oft auch wirtschaftlich viel verantwortungsvoller.

Die klare Haltung unseres Büros, niemals etwas abzureißen, hängt vor allem mit der Transformation von Sozialwohnungsbauten der 1960er/ 70er-Jahre zusammen, mit der wir uns in den letzten rund zehn Jahren befasst haben. Unser jüngstes derartiges Projekt ist das Quartier du Grand Parc in Bordeaux mit 530 Wohnungen, das die Kommune zunächst abreißen wollte. Wir konnten sie jedoch davon überzeugen, dass ein Umbau wesentlich billiger und auch in Hinblick auf das bestehende soziale Gefüge in den drei Wohnblocks sinnvoller wäre.

Bild von den Bauarbeiten. Fertigteile für die Wintergärten und Balkone werden per Kran an die Bestandsfassade montiert.
Zur Minimierung von Kosten und Bauzeit bestehen die neuen Wintergärten und Balkone aus Fertigteilen.

Bild: Philippe Ruault

Es ist schwer nachzuvollziehen, warum so großes Interesse an derartigen Umbaumaßnahmen besteht und sich dieser Optimismus trotzdem nur selten bis in die Entscheidungsphase hält. Im Umgang mit dem architektonischen Erbe – insbesondere dem aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – entscheidet man sich im Zweifel immer noch für einen Abriss, obwohl Nachhaltigkeit noch nie ein so großes Anliegen war wie heute.

Einer der Gründe dafür sind die Normen oder, ganz allgemein, die Art und Weise, wie Gebäude heute entworfen und genehmigt werden: Materialien und Technologien wird ein viel höherer Wert beigemessen als der Intelligenz des Entwurfs. Clevere Low-Tech-Lösungen zur Klimaregulierung (wie die Wintergärten, die wir den Wohnungen in Bordeaux hinzugefügt haben) oder die Einbeziehung der Nutzer*innen sind bewährte Entwurfsmethoden, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, aber bei Effizienzberechnungen nicht berücksichtigt werden.

Es ist problematisch, dass die Bestandssituation, selbst beim Einsatz recycelter Baustoffe, selten ein Kriterium ist.

Eine Nachhaltigkeitsphilosophie, die sich ausschließlich auf Materialien und Technologie stützt, führt in eine Sackgasse, denn wir werden sehr schnell an unsere natürlichen Grenzen stoßen. Deshalb stellen wir uns in unserem Büro lieber einfache, effiziente Systeme mit großzügigen Räumen vor, die den Nutzer*innen mehr Möglichkeiten bieten, den (Klima-)Komfort selbst in die Hand zu nehmen.

Blick vom Innenraum einer Wohnung in den neu entstandenen Wintergarten.
Die 3,8 m tiefen Wintergärten vergrößern die bestehenden Wohnungen ...

Bild: Philippe Ruault

Blick in einen der neu entstandenen Wintergärten. Auf der linken Seite sieht man die verschiebbaren Elemente aus transluzentem Kunststoff.
... und fungieren zudem das ganze Jahr über als thermische Puffer.

Bild: Philippe Ruault

Mit freundlicher Unterstützung der Holcim Foundation for Sustainable Construction und in Zusammenarbeit mit dem New European Bauhaus.

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung des Fotografen und des Verlags aus „The Materials Book“, Ruby Press, 2020

Anne Lacaton

ist Architektin und leitet gemeinsam mit Jean-Philippe Vassal das französische Büro Lacaton & Vassal Architectes, das über die Jahre mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde: mit dem Schelling Architekturpreis (2006), dem Mies van der Rohe Award (2019) und zuletzt mit dem prestigeträchtigen Pritzker-Preis 2021. Anne Lacaton hat an Architekturfakultäten in verschiedenen Ländern gelehrt und ist seit 2017 außerordentliche Professorin für Architektur & Entwurf an der ETH Zürich.