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Co-Habitation

Entwürfe und Statements für eine Architektur des Zusammen­lebens von Mensch, Flora und Fauna. 

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Marion von Osten, Christian Hiller, Alexandra Nehmer, Anh-Linh Ngo und Peter Spillmann: Cohabitation: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum

Vom 5. Juni – 4. Juli 2021 war im silent green Kulturquartier in Berlin die Ausstellung Cohabitation: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum zu sehen. Entlang von über 30 künstlerischen Positionen wurde das ambivalente Verhältnis von Menschen, Tieren, Natur im urbanen Kontext befragt. Eine Diskursreihe und Stadterkundungen in Berlin setzen das Projekt fort. 2022 erscheint zudem eine Ausgabe der ARCH+ zum Thema.

schwarz-weiße Bild-Collage von einer Straße in der Stadt in der ein Junge auf einem Pferd sitzt
Ann Sophie Lindström/Modern Temperament

Bild: Cohabitation

„Cohabitation“ wird von dem Leitgedanken getragen, dass menschliche und nicht-menschliche Spezies eine sich gemeinsam konstituierende Gemeinschaft bilden. Das Projekt verfolgt das Ziel, nicht-menschliche Spezies als Stadtakteure anzuerkennen und daraus neue Ansätze für Gestaltungspraxis und Raumproduktion abzuleiten. Wie Fahim Amir im Manifest zur Ausstellung schreibt, will Cohabitation nicht beweisen, „dass eine andere Welt möglich ist, sondern dass tausend andere Welten existieren“. Denn Städte gehörten nie nur den Menschen, auch Tiere waren immer schon Stadtbewohner. Parks, Friedhöfe, Brachen, überwachsene Bauruinen, Baustellen und die buchstäblich vielschichtige Stadtarchitektur selbst bieten vielen Spezies gute Lebensbedingungen. Aktuell nimmt die Migration von Tieren in die Städte weltweit zu. Ein Grund ist, dass das Nahrungsangebot dort oft besser ist als auf dem durch die Monokulturen der Agrarindustrie geformten Land. Der urbane Raum ist einer der Cohabitation, wie Moritz Ahlert und Alsino Skowronnek in einer Kartierung in der Ausstellung am Beispiel verschiedener Orte in Berlin aufzeigen.  

Trotzdem haben Tiere jenseits von Einhegung, Fernhaltung oder Verwertung bislang kaum Beachtung in der Architektur und Gestaltungspraxis gefunden, sahen diese Bereiche sich doch seit der Moderne in radikaler Opposition zur Natur. Die Ökologiebewegung stieß zwar in den 1970er-Jahren ein Umdenken in Architektur und Stadtplanung an, doch der entscheidende Schritt, den urbanen Raum auch als Habitat anderer Spezies zu begreifen, steht noch aus. Und gleichzeitig verursacht die Verstädterung seit Beginn der Moderne einen Großteil des Ressourcen- und Flächenverbrauchs, der wesentlich zum Klimawandel und zum Artensterben beiträgt.

Der Mäusebunker in Berlin-Lichterfelde steht paradigmatisch für eine Architektur und Stadtplanung, die Tiere aus rein menschlichen Interessen der Verwertung unterwirft, ihre Bedeutung für die menschliche Gesellschaft aber gleichzeitig durch eine räumliche Trennung verschleiert. Unter seinem Dach befanden sich die zentralen Tierlaboratorien der Freien Universität Berlins, mit deren Umzug in eine neue Einrichtung der Nutzen und Erhalt des Mäusebunkers in Frage gestellt wurde. Die öffentliche Debatte um Abriss oder Nachnutzung jedoch konzentriert sich bislang vornehmlich auf den Denkmalwert des brutalistischen Gebäudes.

Cohabitation will den Diskurs erweitern. Die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Tierversuchslabor bietet Anlass zur kritischen Revision des Mensch-Tier-Verhältnisses und den zugrunde liegenden Vorstellungen von Natur. Ein Perspektivwechsel könnte auch der Ausgangspunkt einer möglichen Nachnutzung des Mäusebunkers sein. In der Ausstellung Cohabitation wurden bereits solche Ansätze vorgestellt, die nicht-menschliche Lebewesen, wie in der Fiktion Animal Internet von Kolbeinn Hugi, jenseits einseitiger Ausbeutungsverhältnisse oder, wie die Künstler*innengruppe Club Real, jenseits der Natur verorten. Dementgegen stellen sie Teilhabe und Mitbestimmung für nicht-menschliche Spezies.

Ausstellungssituation von Cohabitation: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum
Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum

Bild: dotgain, © Cohabitation

Schließlich geht es in Cohabitation neben urbanistischen auch um zentrale politische Fragen. Denn das Streben der Moderne nach der Kontrolle der Umwelt führte nicht nur zur Abwertung des „Natürlichen“, sondern auch menschlicher „Anderer“. Die Plünderung der Natur erzeugt globale Ausbeutungsketten und Ungerechtigkeit unter Tieren wie Menschen. Mensch-Tier-Verhältnisse neu zu denken bedeutet daher auch, Klassen- und Geschlechterverhältnisse sowie Rassismen in den Blick zu nehmen. Erst dann können wir von Grund auf neue Formen des solidarischen Zusammenlebens in zukünftigen Stadtgesellschaften gestalten.

In Kooperation mit ARCH+ stellt das Modellverfahren Mäusebunker mehrere Projekte aus dem Ausstellungsprojekt vor.

 

Cohabitation ist ein Projekt von ARCH+ gGmbH in Kooperation mit silent green kuratiert von Marion von Osten, Christian Hiller, Alexandra Nehmer, Anh-Linh Ngo und Peter Spillmann

Cohabitation | ARCH+

 

Cohabitation wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Cohabitation Stadterkundungen werden gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Cohabitation Diskurs: Zoopolis Berlin wird gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa