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Co-Habitation

Entwürfe und Statements für eine Architektur des Zusammen­lebens von Mensch, Flora und Fauna. 

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Fahim Amir mit Alicia Agustín: Cohabitation – Ein Manifest

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Spezies – Cohabitation ihre gelebte Erkundung

Eigens für die Ausstellung Cohabitation verfasste der Österreichische Philosoph Fahim Amir ein Manifest, das – gesprochen und gespielt von Alicia Agustín – den Auftakt zur Ausstellung bildete. Im Innenraum verkündeten Banner – gestaltet von Oliver Klimpel und Till Sperrle – Ausschnitte des Manifests.

Cohabitation – Ein Manifest, Fahim Amir (Text) und Alicia Agustín (Performance)

Der universelle menschliche Körper als Modell ist so unsicher wie nie zuvor. Architektinnen und Architekten stehen am Ufer der Zukunft, inmitten einer wuchernden Menge von Cyborgkörpern, Prothesenkörpern, Tierkörpern, pornografischen, mutierten und quälbaren Körpern, behinderten, migrierten und kolonisierten Körpern, fliegenden, wuselnden und kriechenden Körpern. Statt sich rückwärtsgewandt auf die fragwürdige Idylle einer imaginierten Vormoderne zu beziehen, steht Cohabitation für die gelebte Erkundung von Solidarität als Zärtlichkeit der Spezies.

Je schärfer wir den optischen Apparat der Erkenntnis politisch stellen, desto verschwommener werden alle anderen Unterscheidungen der Moderne. In einem Buch der Denkerin Donna Haraway ist eine Comic-Zeichnung abgebildet, die anstelle von Leonardo Da Vincis ideal proportioniertem Virtruvianischen Menschen als Maß aller Dinge einen struppigen Hund zeigt.(1) Könnten nicht auch ein Straßenhund oder eine Streunerkatze die Repräsentation, wenn nicht aller, so doch zumindest einiger sein? Schließlich ist niemand mit allen verbunden, aber alle mit jemanden. (2) An einer anderen Stelle begegnen wir der Comic-Zeichnung einer uralten Orchideen-Spezies, die ihre Blüten so ausgebildet hatte, dass sie eine bestimmte Bienenart anlockte.(3) Diese Bienenart ist längt ausgestorben, weshalb sich die Orchidee seitdem selbst bestäubt. Sie lebt als eine Art botanisches Negativ des verschwundenen Bienenkörpers weiter. Vielleicht gleicht der Humanismus, der „den Menschen“ zum Maßstab der Welt erklärte, einer solchen Orchidee: Er bewahrt als Bild einer Welt, die es so nicht mehr gibt.(4)

Ansicht der Ausstellung Cohabitation, abgedunkelter Raum mit großem Spruchbanner, Leuchtobjekten, Fotos
Kernaussagen des Manifests wurden auf Bannern, gestaltet von Modern Temperament/Oliver Klimpel, Till Sperrle, im Ausstellungsraum aufgegriffen

Bild: dotgain, © Cohabitation

Die kapitalistische Moderne hat mit der räumlichen Trennung zwischen der Produktion und der Konsumtion von Tieren massenhaft Kerkerarchitekturen des industriellen Elends geschaffen.(5) Die Urbanisierung entfremdete aber auch einen Teil der Bevölkerung von archaischen Gewaltverhältnissen zwischen den Arten. Gegenwärtige Debatten sind Resonanzräume solcher nicht-unschuldigen und unabgeschlossenen Prozesse der rapiden Urbanisierung von Tieren und Menschen. Uns fehlen jedoch auf profunde Weise die Begriffe, um Ausmaß und Art der Gegenwart von Tieren auf der Welt in den Blick nehmen und artikulieren zu können. Es gilt, imaginativere Sprachen, treffendere Bilder und inspirierendere Modelle zu finden, die uns helfen, diese neue Welt, in der wir uns längst schon befinden, besser wahrnehmen und verstehen zu können. Künstlerische Strategien des Dokumentarischen und unterschiedlichste Taktiken der forscherischen Gestaltung haben sich schon daran gemacht.

Die Ansprüche der Anderen zu einem Teil der Rechnung zu machen, heißt, unsere Souveränität zu relativieren. Teilhabe bedeutet auch Teilgabe, wir werden also etwas aufgeben müssen. Zum Beispiel die Idee einer restlos kontrollierbaren und „managebaren“ Umwelt. Alle Lebensformen, die den Planeten bewohnen, beeinflussen einander auf komplexe Weise, die weder ganz verstanden noch kontrollierbar ist. Dies bedeutet auch, „unbeabsichtigte Landschaften“(6) als Begegnungen mit Natur willkommen zu heißen, Landschaften, die nicht absichtsvoll geschaffen wurden. Solche Breschen der Unordnung sind Lebensraum für unerwartete Formen der Sozialität. Die „wilden Gemeingüter“ der urbanen Natur sind in gewisser Hinsicht „das räumliche Äquivalent der freien Zeit: eine Sphäre der Existenz“, die noch nicht vom Bulldozer der Gewinnmaximierung planiert und von der erweiterten Reproduktion verschluckt wurde.(7) Cohabitation beweist nicht, dass eine andere Welt möglich ist, sondern dass tausend andere Welten existieren.

Heute werden wieder überall Grenzen befestigt, die Menschen fernhalten sollen. Ordnungspolitiken haben aber nie nur Effekt auf eine Spezies.(8) Der Stacheldraht versperrt auch vielen Tieren, die sich früher frei bewegen konnten, den Weg.(9) Vielleicht ist dies kalkuliert, denn mit der Erderwärmung wird für viele Tiere des globalen Südens die Migration in den kühleren Norden die einzige Chance auf Überleben sein.  

Cohabitation hingegen heißt „Leben mit“, was nicht immer angenehm, unschuldig, schön oder frei von Gefahr ist. „Leben mit“ befördert die Entwicklung von Nachbarschaften. Die abgeschlossenen Wohnkomplexe von gated communities sind ihr Gegenteil, denn Nachbarn sind Wesen, deren Anwesenheit wir uns nicht ausgesucht haben. Dazu gehört eine Komplizenschaft mit Pflanzen, auch mit solchen, die als Unkraut gelten, am Straßenrand und anderswo. Pflanzen sind die Säulen der Welt, mit ihren Körpern und ihrem Stoffwechsel halten sie die Erde und den Himmel zusammen.(10) Ohne sie gäbe es keine Städte, keine Stadtluft, keine Menschen und Tiere.

 

Cohabitation verlangt, das Politische neu zu denken.(11) Als Polis wurde ursprünglich zweierlei bezeichnet: das religiöse und administrative Zentrum des antiken Stadtstaates sowie die kollektive Bürgerschaft, die sich dort versammelte. Seit es den Begriff überhaupt gibt, wurde das Politische in den Denktraditionen des Westens als ein Ort definiert, zu dem weder Tiere, Pflanzen, Sklaven noch Frauen Zugang haben, „sondern nur freie Anthroposse schlaumeiernd herumlungern, während die anderen an den Rändern schuften oder gefressen werden“.(12) Das Versprechen der Cohabitation lautet: Die Mauern der Polis sind gefallen, beginnen wir mit ihren Ruinen eine neue Stadt für alle zu bauen.  

Fahim Amir

ist Philosoph und Künstler. Er lehrt am Fachbereich Experimentelle Gestaltung der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. In seinem 2018 erschienenen Buch Schwein und Zeit, das mit dem Karl Marx Preis ausgezeichnet wurde, richtet er sich gegen die Romantisierung der Natur und zeigt Tiere als politische Akteure.

Alicia Agustín

ist Schauspielerin und Autorin. Sie studierte Schauspiel in Berlin und erhielt eine Ausbildung bei Fae Simpson im Michael Howard Studio in New York. 

Bild, das eine grün beleuchtete Rampe nach unten und drei Projektionen von einer Frau, einem Vogel und einer Grafik zeigt
Das Manifest, eigens von dem Philosophen und Künstler Fahim Amir dafür verfasst, bildete den Auftakt zur Ausstellung Cohabitation

Bild: dotgain © Cohabitation

Fußnoten 

(1) Donna J. Haraway: When Species Meet, Minneapolis 2008, S. 8

(2) Ein Straßenhund ist nicht überall das Gleiche. Siehe Krithika Srinivasan: „The Biopolitics of Animal Being and Welfare: Dog Control and Care in the UK and India“, in: Transactions of the Institute of British Geographers 38/1, 2013, S. 106–119

(3) Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt a. M. 2018, S. 100

(4) Vgl. Christopher Hight: Architectural Principles in the Age of Cybernetics, New York 2008; Beatriz Colomina und Mark Wigley: Are We Human? Notes on an Archaeology of Design, Zürich 2016; Fahim Amir: „Heirs of Vitruvius: Lichens, Lapdogs & Cyborg Cows“, in: Christina Jauernik und Wolfgang Tschapeller (Hg.): INTRA! INTRA! Towards an INTRA SPACE, Wien 2021, S. 270–275

(5) Karen Morin: Carceral Space, Prisoners and Animals, Abingdon 2018

(6) Matthew Gandy: „Unintentional landscapes“, in: Landscape Research 41, 2016, S. 1–8

(7) Andreas Malm: „In Wildness Is the Liberation of the World: On Maroon Ecology and Partisan Nature“, in: Historical Materialism 26/3, 2019, S. 3–37, hier: S. 27

(8) Guy Scotton: „Taming Technologies: Crowd Control, Animal Control and the Interspecies Politics of Mobility“, in: Parallax 25/4, 2019, S. 358–378

(9) Reviel Netz: Barbed Wire: An Ecology of Modernity, Middletown 2004

(10) Natasha Myers: „How to grow livable worlds: Ten not-so-easy steps“, in: The World to Come, hg. v. Kerry Oliver Smith, Gainsville 2018, S. 53–63

(11) Fahim Amir: Schwein und Zeit – Tiere, Politik, Revolte, Hamburg 2018

(12) Marion von Osten: „Taubentürme und Trampelpfade“, https://fallingwild.org/wp-content/uploads/2019/08/REALTY_Marion_von_Osten_DE.pdf      

Film: Fred Plassmann, Jaromir Schmidt (OFFscreen MODERNmedia) Animation: station+ Pan Hu, Anton Krebs (D-ARCH, ETH Zürich) Produktion: Jakob Walter Banner: Modern Temperament/Oliver Klimpel, Till Sperrle

 

Entstanden im Rahmen des Projekts Cohabitation: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum, 2021

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Mit freundlicher Genehmigung der Künstler*innen