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Co-Habitation

Entwürfe und Statements für eine Architektur des Zusammen­lebens von Mensch, Flora und Fauna. 

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Dorothee Brantz: Leben – Architektur – Aura

Dorothee Brantz hat ausgiebig zur Rolle der Schlachthöfe – einer zweiten paradigmatischen Architektur der Verwertung tierischen Lebens – für europäische Städte geforscht. Zentralvieh und -schlachthof Berlin und Mäusebunker setzt sie in einen historischen Vergleich.

Zukünftige Nutzungen des Mäusebunkers werden sich mit dem historischen Erbe der Tierverwertung befassen müssen. Nur wie? In dieser Hinsicht kann ein Vergleich mit dem bereits seit 1990 denkmalgeschützten Berliner Zentralvieh- und Schlachthof aufschlussreich sein.

 

Exakt ein Jahrhundert liegt zwischen dessen Eröffnung 1881 und der Inbetriebnahme des Mäusebunkers. Zusammen repräsentieren sie ein Jahrhundert der Entwicklung der Moderne: in der Architektur, der industriellen Nutzung, im Zusammenhang von Wissenschaft und Technik, in der Metropolenkultur und der Mensch-Tier-Beziehung, die in beiden Gebäudekomplexen zum Ausdruck kommt, in der Naturbeherrschung, die dem Urbanisierungsprozess zu Grunde liegt, und der Ausbreitung der Konsumgesellschaft – und in allem dem Primat der Ordnung, dem die Moderne untersteht.  

Collage von zwei Bildern, links Backsteingebäude von Schlachthof Berlin, rechts Ausschnitt von Mäusebunker
Zentraler Vieh- und Schlachthof Berlin und Mäusebunker, zwei paradigmatische Architekturen der Tierverwertung, im historischen Vergleich

Bild: Dorothee Brantz

Sowohl der Schlachthof als auch der Mäusebunker waren Orte der Zentralisierung; beide folgten einer Verwertungslogik, die Tiere ins Zentrum stellt – jedoch im menschlichen Interesse. Beide nahmen die massenhafte Tötung und Verdinglichung von Tieren willentlich in Kauf. Das ist ebenfalls ein wichtiges Element der Moderne, dem Zeitalter der Masse und auch der massenhaften Gewalt. Beide waren Architekturen der Sicherheit und der Kontrolle – hinter Mauern verborgen, hinter Zäune gestellt und so der Öffentlichkeit entzogen, obwohl die Produkte und das Wissen, die dort produziert wurden, für eine Öffentlichkeit bestimmt waren.

Collage mit zwei Bildern, links Backsteinmauer, Bürgersteig und Bäumen
Sowohl beim Zentralen Vieh- und Schlachthof Berlins als auch dem Mäusebunker war die Öffentlichkeit durch Mauern und Zäune ausgeschlossen

Bild: Dorothee Brantz

Teile des Schlachthofs stehen heute unter Denkmalschutz, was vor allem der Initiative einer Einzelperson, der Landschaftsarchitektin und Autorin Susanne Schindler-Reinisch zu verdanken ist. Anders als derzeit beim Mäusebunker ging es weniger um Architektur, als um die mit dem Ort verbundene Erinnerungskultur. Zwar wurden viele Gebäude abgerissen und aus dem ehemaligen Schlachthofareal ist ein neues Stadtviertel geworden. Doch trotz reger Bautätigkeit in den 1990er- und 2000er-Jahren blieb das Gelände als Gesamtensemble erhalten. Auch erinnern einige Straßennamen an den Schlachthof.

Collage von zwei Bildern, links Wiese mit Ansicht auf Stadtgebäude, rechts Straßenschilder
Trotz baulicher Veränderungen wird die Erinnerung an die frühere Funktion des Zentralen Vieh- und Schlachthofs Berlin wachgehalten, beispielsweise in den Straßennamen

Bild: Dorothee Brantz

Die Zukunft des Mäusebunkers hingegen ist noch offen. Natürlich können Gebäude immer umgenutzt werden – wir sollten uns aber auch fragen: was bedeutet das für die Aura des Ortes? Im Sinne Walter Benjamins steht die Aura für Ausstrahlung, Ästhetik, Atmosphäre. Und für Einmaligkeit, wie sie bei beiden Orten jeweils gegeben ist. Doch der Denkmalwert eines Gebäudes geht über die Bausubstanz hinaus und schließt den kulturellen Wert ebenso ein wie seine Geschichte. In diesem Zusammenhang sollte auch nach den Tieren gefragt werden und was diesen im Mäusebunker widerfahren ist: Tiere, die als verwertbare Körper, aber nicht als Lebewesen in ihrer Einmaligkeit wahrgenommen wurden; denen ihre Aura gewaltsam genommen wurde. Leben, Architektur und Aura stehen beim Mäusebunker in einem engen Zusammenhang, dessen wir uns bewusst sein sollten, wenn wir über die Zukunft dieses Ortes debattieren.

Dorothee Brantz im Gespräch mit Arno Brandlhuber, Christoph Rauhut und Cord Riechelmann, moderiert von Alexandra Nehmer und Anh-Linh Ngo während der Veranstaltung Architectures of Cohabitation II im silent green Kulturquartier, Berlin 26.06.2021, im Rahmen der Reihe Cohabitation Diskurs: Zoopolis Berlin, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa

Dorothee Brantz

ist Historikerin und Direktorin des Center for Metropolitan Studies an der Technischen Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen umfassen städtische Umweltgeschichte, Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen, Kriegsgeschichte und Sozialtheorie. Ihr neues Forschungsprojekt befasst sich damit, wie Multispezies-Städte vor dem Hintergrund eines One-Health-Ansatzes gestaltet werden können.