Themen

Co-Habitation

Entwürfe und Statements für eine Architektur des Zusammen­lebens von Mensch, Flora und Fauna. 

Mehr

Arno Brandlhuber: Nachnutzung im Geist der Cohabitation

Der Architekt Arno Brandlhuber setzt sich für den Erhalt des Gebäudes ein. Im Rahmen seiner Lehre an der ETH Zürich entstanden spekulative Interventionen, um die ehemalige Versuchsanstalt in eine Architektur für Multispezies-Cohabitation zu verwandeln.

Der Ton ändert sich merklich bei Fragen zur Umwelt. Es wird immer mehr Menschen klar, dass wir unserem Ökosystem nicht länger zumuten können, was wir bisher als gegeben angenommen haben: Der Abbau von Ressourcen getrieben von einer Logik des Wachstums, die unser ökonomisches System durchzieht. Als Architekt – zumal einer, der bisher viel mit Beton gebaut hat – war ich an diesem System des Verbrauchs besonders beteiligt, aber ich bin lernfähig. In Bezug auf Pflanzen hat sich auch tatsächlich schon viel geändert, die Bedeutung von Stadtgrün ist heute allen bewusst. Eine Neuausrichtung der Wertschätzung von Tieren in unserem Ökosystem steht jedoch noch ganz am Anfang – noch sind viele Fragen zu ihrer Agency und darüber, wie wir mit und für sie sprechen können, offen. Gleichzeitig glaube ich, dass genau diese Fragen der Schlüssel zum Mäusebunker sein können. Architektonisch handelt es sich um ein herausragendes Gebäude. Wie lässt sich daran aber ein Umdenken in unserem Verhältnis zu nicht-menschlichen Lebewesen knüpfen?

Angesichts einer Geschichte der Tierverwertung und -ausbeutung mag es naheliegen, sich mitsamt der Architektur dieser unschönen Erinnerungen zu entledigen. Viel interessanter finde ich es allerdings das Neudenken des Mäusebunkers als Aufforderung zu verstehen, einen richtungsweisenden Umgang zu entwickeln. Dabei stellt sich auch die Frage: Wen brauchen wir alles dazu? Architekt*innen können hier eine neue Rolle einnehmen, und nicht nur am Gebäude arbeiten, sondern vielmehr organisieren, wer alles zusammenkommt und das Gebäude neu beleben soll. Für eine Programmierung im Geiste der Cohabitation könnten Energien von Forscher*innen, Künstler*innen, die um das Thema herum kreisen, erschlossen und nutzbar gemacht werden. Wir wollen lokale Initiativen, aber auch andere europaweite Akteur*innen zusammenholen, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigen.

Das Gebäude ist relativ einfach aufgebaut: ein Schottenbau, die Fassade ist ein mit Fertigteilen verkleidetes Skelett. Die Nutzlasten sind extrem hoch angesetzt, wir haben es mit einem überdimensionierten Gebäude zu tun, was im Inneren viele Möglichkeiten eröffnet. Hinsichtlich der Umnutzung sind vor allem zwei Fragen von Bedeutung: Wie funktioniert der statische Kern? Und wie schaffen wir eine natürliche Belüftung? Es gibt viele versiegelte Öffnungen, die aufgebrochen werden können. So auch der südliche Gebäudeabschluss des Mäusebunkers – Folge eines vorzeitigen Baustopps aufgrund gestiegener Kosten –, der zur Gänze geöffnet werden kann. Es gibt viele Vertikalschächte, die man auch anders nutzen könnte. Ungefähr 50 Prozent des Gebäudes könnten mit überschaubarem Aufwand nachgenutzt werden. In das Gebäude hineingebracht werden kann aber nur das, was die Räume sinnvollerweise zulassen. Es wird Flächen geben, in denen keine*r gut arbeiten kann. Diese bleiben dann einfach ohne funktionelle Zuweisung offen für Fuchs und Dachs. Cohabitation muss nicht so kompliziert gedacht werden: Wir müssen nicht immer 100 Prozent der Architektur benutzen und kontrollieren.

Arno Brandlhuber im Gespräch mit Dorothee Brantz, Christoph Rauhut und Cord Riechelmann, moderiert von Alexandra Nehmer und Anh-Linh Ngo während der Veranstaltung Architectures of Cohabitation II im silent green Kulturquartier, Berlin 26.06.2021, im Rahmen der Reihe Cohabitation Diskurs: Zoopolis Berlin, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa 

Arno Brandlhuber

ist Architekt und Stadtplaner. Seine Arbeit umfasst Architektur- und Forschungsprojekte, Ausstellungen und Publikationen sowie politische Interventionen. Seit 2017 ist er Professor für Entwurf und Architektur an der ETH Zürich, wo er mit Hilfe neuer Medien und Technologien die zukünftige Entwicklung von Architektur untersucht. Im Rahmen seiner Lehre beschäftigt er sich derzeit im Projekt Housing the Non-Human mit Interspezies-Beziehungen unter architektonischen Gesichtspunkten.

s+