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Greening Futures

Die Vorstellung einer Grünen Zukunft für unsere Städte ist gleichzeitig eine konsequente Erweiterung dieser baukulturellen Zielsetzung des Um-, An- und Weiterbauens als kreative Auseinandersetzung mit dem Bestehenden.

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Marco Schmidt: Das Experiment am Bestand als Ressource

Marco Schmidt leitet am Natural Building Lab der TU Berlin das Forschungsprojekt BiMoKA, welches sich mit den Besonderheiten der Anforderungen des Klimawandels auf Architekturkonzepte und infrastrukturelle Projekte auseinandersetzt. Er sieht die großmaßstäblichen Bestandsarchitektur des Mäusebunkers als eine Chance, die heutigen technischen Anforderungen an Gebäudekühlungs- und Lüftungssysteme durch Low-Tech Lösungen zu hinterfragen. Das prozesshafte Erforschen am Gebäude selbst bietet ein Experimentierfeld - als zeitgemäßer Weg der Umdeutung.

Der Erhalt des Mäusebunkers gilt wegen seiner Großmaßstäblichkeit, vor allem unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, als eine große Herausforderung. Gibt es ihrer Meinung nach in der Öffentlichkeit ein ausreichendes Bewusstsein für die graue Energie, die in solchen Bestandsgebäuden gespeichert ist?

Graue Energie ist zuerst einmal all das, was für Errichtung, Betrieb und Entsorgung eines Gebäudes aufgebracht werden musste und nun im Bestand gespeichert ist. Ich denke aber, dass es ist nicht nur eine Energie-, sondern vor allem eine Ressourcenfrage ist: Beton, Stahl, Elektro- und Wasserleitungen – all das ist in unseren Gebäudebestand verbaut und kann natürlich potenziell wiederverwendet werden. Da dies aber heutzutage kaum stattfindet bzw. ein Recycling vor allem von Beton großen Aufwand bedeutet, ist es besser, Gebäude und die darin vorhandenen Wertstoffe zu erhalten.

Die Ressourcenfrage, vor allem vor dem Hintergrund steigender Holzpreise, kommt in den letzten Jahren zunehmend als Thema in der Presse und damit ist auch die Diskussion um Rückbau plötzlich stärker in den Fokus geraten. Beim BBSR (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung), für das ich auch tätig bin, haben wir ein "Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen" und analysieren den Lebenszyklus unter Berücksichtigung der grauen Energie. Bei Architekturwettbewerben und Bauprozessen geschieht das im Moment noch zu wenig.

Deswegen ist es heute umso wichtiger, gerade großmaßstäbliche Gebäude aus den 70er-Jahren, zu denen ich hier in Berlin neben dem Mäusebunker auch das ICC zählen würde, einer neuen Nutzung zuzuführen, ohne dabei die Betriebskosten exorbitant in den Himmel schießen zu lassen. Dies ist meiner Meinung nach durch eine Bestandsoptimierung mit einfachen Mitteln – als Low-Tech-Lösung – grundsätzlich möglich.

Vier Schwarz-Weiß-Skizzen von verschiedenen Arten der Fassadenbegrünung.
Verschiedene Möglichkeiten der Fassadenbegrünung

Bild: BiMoKA

Schematische Darstellung von Adbiater Abluftkühlung, bei der Wasser in zur Kühlung in die Abluft der Lüftungsanlage gesprüht wird.
Schematische Darstellung von Adbiater Abluftkühlung, bei der Wasser in zur Kühlung in die Abluft der Lüftungsanlage gesprüht wird.

Bild: BiMoKA

Du stehst mit dem Natural Building Lab der TU Berlin für eine Haltung hinsichtlich Low-Tech-Lösungen für die Umgestaltung und Neunutzung von Bestandsarchitekturen. Wie siehst du das konkret für das Beispiel des Mäusebunkers? Wie kann man so ein formstarkes und während der Zeit einer gewissen technoiden Utopie geschaffenes Gebäude durch Low-Tech für das 21. und 22. Jahrhundert weiterdenken?

Gerade Gebäude aus den 70er-Jahren implizieren meiner Meinung nach, damalige und heutige Planungsprozesse gegenüberzustellen und herauszufinden, wie wir auch solche Räume einer neuen Nutzung überführen können.

Zunächst sollte man die zukünftigen Nutzungsansprüche festlegen und evaluieren, welche Ressourcen aufgewendet werden müssen, um eine weitere Nutzung zu gewährleisten – Heizen im Winter, Kühlen im Sommer, Luftwechselraten und so weiter.

Weitere wichtige Fragen wären: Wie entstehen die hohen Betriebskosten? Kann man das nicht vereinfachen? Durch Regenwassernutzung für Bewässerung oder Toilettenspülung lässt sich beispielsweise die zentrale Infrastruktur entlasten und Photovoltaik-Anlagen lassen sich heute einfach in den Bestand integrieren und können Betriebskosten massiv senken. Außerdem kann eine Fassadenbegrünung sowohl einen positiven Effekt auf die Bauphysik als auch die Außenwirkung haben. Begrünung an der Fassade ist günstig und hat einen messbaren Einfluss auf den Energieverbrauch und die Luftwechselrate. Aus ästhetischer Sicht hat der Mäusebunker erstmal eine abweisende, aber auch faszinierende Wirkung. Im Umgang mit einem solchen Bestand sollte man sich überlegen, dies entweder weiter zu betonen oder durch Begrünung einen ganz anderen Reiz zu erzielen. Die Natur erobert sich einen Teil davon wieder zurück und die Leute bewegen sich dann in diesem Kontrast.  

Detailaufnahme der Fassadenbegrünung an einem dafür vorgesehenen Rankgitter.
Für das Lise-Meitner-Haus (Institut für Physik) der HU Berlin von Augustin und Frank / Winkler Architekten begleitete Marco Schmidt im Rahmen des Forschungsprojekts „Gebäudekühlung“ auch die Konzeption der Fassadenbegrünung.

Bild: Marco Schmidt

Aber wie genau kann diese Umwandlung einer höchst funktionalistisch, technoid und präzise entworfenen Architektur von Gerd und Magdalena Hänska, die eine natürliche Kühlung oder Bewässerung per se gar nicht zulässt, möglich sein? Und wie kommst du zu der Schlussfolgerung, dass dies heute gewollt ist?

Generell bin ich immer für einen sensiblen Umbau und man sollte sich stets die Frage stellen, was die Architekt*innen mit dieser Philosophie in den 70er-Jahren bezwecken wollten? Noch wichtiger finde ich, was wir aus dieser gebauten Denkweise 50 Jahre danach lernen können. Meiner Meinung nach haben wir nämlich im Blick auf das aktuelle Baugeschehen nicht sehr viel gelernt.

Schaut man sich zum Beispiel vorgeschriebene Luftwechselraten an, muss man feststellen, dass mit den heute üblichen 1000 ppm ein Hundertfaches dessen mechanisch in Gebäude eingeführt wird, was wir als Menschen selbst atmen. Von diesem Technoglaube müssen wir schnell weg, sonst bauen wir nur weiter Gebäude, die in 20 Jahren genau so wenig betreibbar wie der Mäusebunker heute sind, weil sie immer mehr Energie zum Kühlen benötigen und wir die Fenster nicht mehr öffnen können.

Anhand das Tierlaboratoriums, einem perfekten Beispiel für den technokratischen Architekturansatz von damals, könnten wir Alternativen einfach mal durchdenken: Was haben die Hänskas sich damals gedacht und wie kriegen wir ihre Ansätze beim Umbau mit heutigen Low-Tech-Methoden hin? Ich fände es spannend, diesen Kontrast anhand des Mäusebunkers aufzuzeigen, um so auch darauf hinzuweisen, dass heute geplante Gebäude eigentlich auch nicht sehr viel nachhaltiger sind. Und wir müssen uns auch – vielleicht hilft uns ja sogar der Denkmalschutz dabei – klarmachen, dass nicht alle Fehler, die heute in den Normen zementiert sind, wiederholt und eingebaut werden müssen.

Das Natural Building Lab ist derzeit im Auftrag der Bundesregierung und auch im Kontext des New European Bauhaus mit dem Einsatz natürlicher Materialien in der Architektur beschäftigt. Wie könnte man sich eine Weiterentwicklung des Mäusebunkers mittels natürlicher Materialien vorstellen? Zielt man dort auf einen extremen Kontrast zwischen dem Betonerbe und neuen, nachhaltigen Materialien ab?

Ich würde in jedem Fall den Kontrast betonen. Wir wollen uns schließlich nicht vom Gebauten verabschieden, sondern eine kritische Diskussion anstoßen und zeigen, wie man auch anders bauen kann – auf der einen Seite Stahlbeton, auf der anderen Holz oder Lehm.

Man sollte auch über die innere Struktur nachdenken. Räume wie der Mäusebunker fehlen uns eigentlich: Architektonischer Dialog funktioniert am besten direkt am Objekt. Im Natural Building Lab machen wir das genau so. Diese abgeschriebenen Gebäude sind die idealen Möglichkeitsräume: ein „unnutzbares“ Gebäude eignet sich meiner Meinung nach sehr gut dazu, Zukunftsvisionen durchzudenken und auf den Bestand zu übertragen: Experimente zur Betriebswassernutzung mit dem bestehenden Leitungssystem oder ein Begrünungsprozess durch Indoor-Urban-Farming, oder die Umnutzung eines alten Öltanks zum Regenwasserspeicher. Den Luftschächten kann man auch eine andere Nutzung zuführen. Es gibt so viele Möglichkeiten, eine alte Infrastruktur in eine neue Nutzung zu überführen.

Metallgerüst über der Dachkonstruktion, die von Studierenden vor Ort montiert wird.
Design Build Projekt des NBL auf dem Vollgut Gelände in Neukölln, 2018

Bild: Leon Klaßen

Im nächsten Schritt ist die fertige Dachkonstruktion bereits auf vier Holzstützen aufgeständert.
Der Infopavillon wurde von Studierenden rezyklierbar entworfen und unter anderem aus wiederverwendetem Holz gebaut.

Bild: Leon Klaßen

Du schlägst also vor, den Mäusebunker zusammen mit dem Natural Building Lab in eine Case Study zu übersetzen, an der im Prozess der Umwandlung gelernt werden kann?

Es gibt so viele Chancen, die erst durch die Nutzung von einem abgeschriebenen Altbau möglich werden, weil hier keine Ressourcen eingesetzt werden müssen, sondern die Ideen selbst als Ressource funktionieren. Wir brauchen eine freie Diskussion, Entfaltungsmöglichkeiten für Ideen und eine fundierte Problemdefinition. Studierende spielen da eine entscheidende Rolle, da diese noch einen recht unvoreingenommenen Blick auf das hiesige Baugeschehen haben. Sie denken noch nicht an potenzielle Klagen und einzuhaltende DIN-Normen, Brandschutz- oder Hygienevorschriften.

 

Marco Schmidt

ist wissenschaftlicher Referent für Energieoptimiertes Bauen am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Natural Building Lab (NBL) der Technischen Universität Berlin. Er arbeitet seit 1992 zum Themenfeld des ökologischen, energieeffizienten Bauens.

 

Fachliche und Wissenschaftliche Projektbegleitung Institut für Physik in Berlin-Adlershof

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