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Entwürfe und Statements für eine Architektur des Zusammen­lebens von Mensch, Flora und Fauna. 

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Rüdiger Trojok: Am Ende des Reduktionismus

„Meiner Einschätzung nach sind wir am Ende des Reduktionismus, der auf die Trennung von Welt und Geist durch Descartes zurückreicht, angelangt und erleben gerade seine geistige und biologische Implosion.“

 

 

Das Versagen unseres Systems (das sich als Conundrum aus Wissenschaft, Wirtschaft und Staat darstellt) wirksame Heilmittel gegen die sich mit zunehmender Geschwindigkeit ausbreitenden multiresistenten Krankenhauskeime zur Verfügung zu stellen, zwingt die Frage nach der Existenzberechtigung dieses Systems oder zumindest deren zentralen Ideen und Strukturen auf. Meiner Einschätzung nach sind wir am Ende des Reduktionismus, der auf die Trennung von Welt und Geist durch Descartes zurückreicht, angelangt und erleben gerade seine geistige und biologische Implosion. Konkret wird das am Beispiel der kleinsten sich replizierenden Einheiten, den Viren, deutlich. Globale evolutionäre und ökologische Feedbackmechanismen führen zu viral übertragener Resistenzbildungen in Bakterien und damit zur Wirkungslosigkeit einer der wichtigsten Waffen gegen Krankheiten, der Antiobitika. Die Gesundheitskrise, die sich aktuell entfaltet, wird die Auswirkung der Corona Krise langfristig in den Schatten stellen.

 

Grundlegende Umwälzungen des Wissenschaftssystems und Industriebetriebs sind zwingend und dringendst notwendig, wenn wir nicht auf ein Gesundheitssystem mit einer Leistungsfähigkeit wie vor dem 2. Weltkrieg zurückfallen wollen. Beginnen muss die Umwälzung durch die Schaffung alternativer Organisationen, die fachlich und sachlich in der Lage sind, diese Probleme zu lösen. 

 

Woran scheitern also die bisherigen Strukturen und was muss anders werden? Offensichtlich ist unser akademisches System über 200 Jahre alt und hat sich kaum gewandelt. In einer modernen Demokratie, in der selbstverständlich Bürger als (Schöffen-) Richter tätig sind, ist es unverständlich, wieso die Wissenschaften derart vernagelt sind. Und um es gleich vorweg zu nehmen: die Pharmaindustrie hat leider zu oft bewiesen, dass sie diese Lücke nicht Willens und in der Lage ist, zu füllen (Ausnahmen wie die Erfolge Biontechs bestätigen die traurige Regel eher und zeigen keine Trendumkehr).

 

Ein jeder hat ja ein Grundrecht auf Forschung und Bildung. Es ist dringend an der Zeit dieses einzufordern und umzusetzen. Ich schlage vor, den Mäusebunker als öffentlichen Raum, Hackerspace und insbesondere als Biohackerspace in eigener Regie zu konzipieren, mit dem Ziel eine Infrastruktur für Forschung und Entwicklung für die Lebenswissenschaften, Umweltwissenschaften und Medizin auf Bürgerinitiative und Betreiben hin zu ermöglichen, gefördert von Staat, und zum kleineren Teil von Stiftungen und Investoren, ohne jeglichen Einfluss akademischer Strukturen. Zudem soll eine aktive Öffentlichkeitsarbeit und Politikberatung betrieben werden und das Ziel des Umbaus der akademischen und Wissenschaftspolitik strategisch und langfristig angegangen werden.

Gene Gun
Mit dem Gene Gun Hack gelang es Rüdiger Trojok eine Genkanone, eines der wichtigsten Werkzeuge der modernen Biologie, auf nur noch 50 Euro zu senken. Hier zu sehen in der Ausstellung „Materia Prima“ der LABoral Centro de Arte in Gijón, Spanien und der Ars Electronica Export

Bild: Sergio Redruello / LABoral (CC BY-NC-ND 2.0)

Zum Objekt: Wieso wurde es als martialisches Kriegsgerät gestaltet? Um eine elitäre Durchsetzung wissensbegründeter Herrschaft gegen das Volk mit Gewalt zu erzwingen? 

 

Um den Zerfall unserer Gesundheit und damit der Gesellschaft zu verhindern, ist es notwendig, dass wir als gesellschaftliche Individuen das Design unserer Evolution und unserer Umwelt selbst übernehmen müssen. Dafür ist der notwendige Raum, speziell offen und kostenlos zugänglicher Laborraum, notwendig. Der Mäusebunker, in seiner brutalistischen Materialität, würde die Radikalität dieser Idee gut umfassen.  Mein Ziel ist es, die alten Waffen, die die ehemalige Wissenschaftselite für sich gebaut hat, unschädlich zu machen, indem sie vom Innersten ins Äußerste gekehrt werden. Beim Betreten des Mäusebunkers soll es sich anfühlen, wie wenn man ein Bunkerrelikt längst vergangener Kriege betritt – als unzerstörbares Mahnmal, das aber jegliche Funktion als Waffe verloren hat, aus einem Krieg, dessen Konflikte einer verschwommenen Vergangenheit angehören, die heute keine Relevanz mehr haben.

 

Da wir aber leider von diesem Zustand noch weit entfernt sind, und da vor allem da ein grundsätzlicher Kampf mit den Zentren der Wissenschaftselite und ihrer staatlichen geförderten Strukturen und ihrer grundlegenden Ideen und ihres Selbstverständnisses aufgenommen werden muss, ist bis dahin eine solide Panzerung sicher nicht von Nachteil. Wie wäre es mit „Kernzerstörer“ als neuer Name statt Mäusebunker?  

John Bumpass Calhouns Experiment der Mäuse Utopie, 1970
John Bumpass Calhouns bei seinem Experiment der Mäuse Utopie, 1970

Bild: Yoichi R Okamoto

Weitere Anregungen:

Zitat aus Peter Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“: „Es ist die Signatur des technischen und anthropotechnischen Zeitalters, daß Menschen mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion geraten, auch ohne daß sie sich willentlich in die Rolle des Selektors gedrängt haben müßten. Man darf zudem feststellen: Es gibt ein Unbehagen in der Macht der Wahl, und es wird bald eine Option für Unschuld sein, wenn Menschen sich explizit weigern, die Selektionsmacht auszuüben, die sie faktisch errungen haben. Aber sobald in einem Feld Wissensmächte positiv entwickelt sind, machen Menschen eine schlechte Figur, wenn sie – wie in den Zeiten eines früheren Unvermögens – eine höhere Gewalt, sei es den Gott oder den Zufall oder die Anderen, an ihrer Stelle handeln lassen wollen. Da bloße Weigerung oder Demissionen an ihrer Sterilität zu scheitern pflegen, wird es in Zukunft wohl darauf ankommen, das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren. Ein solcher Codex würde rückwirkend auch die Bedeutung des klassischen Humanismus verändern – denn mit ihm würde offengelegt und aufgeschrieben, daß Humanitas nicht nur die Freundschaft des Menschen mit dem Menschen beinhaltet; sie impliziert auch immer – und mit wachsender Explizitheit –, daß der Mensch für den Menschen die höhere Gewalt darstellt.“

 

openbioprojects.net/4201.html

 

The Universe Experiment und das Second Death Konzept   

Es lässt sich metaphorisch auch als Idee auf das Gebäude und wofür es steht übertragen.

In Anlehnung an die erwähnte Skizze des Architekten: Secret of NIMH (Versuchsratten entkommen Disney)

 

 

Rüdiger Trojok

 

Rüdiger Trojok, Diplom-Biologe, ist Forscher, Technologieberater und Autor populärwissenschaftlicher Literatur. Bei der UnternehmerTUM GmbH, dem Zentrum für Innovation und Existenzgründung der TU München, leitet er das Innovationslabor Synthetische Biologie im Rahmen des Transdisziplinären Technologie-Inkubators (UnternehmerTUM) und entwickelt dort Prototypen, die KI, VR, Robotik und Synthetische Biologie verschmelzen. Rüdiger studierte System- und Synthetische Biologie an den Universitäten Potsdam, Kopenhagen (DTU) und Freiburg. In seiner wissenschaftlichen Arbeit erfand er eine neuartige Verhütungsmethode basierend auf genetisch veränderten Milchsäurebakterien. Er arbeitete als Referent für das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages zu Biohacking und Synthetischer Biologie. Seit 2014 arbeitet er für das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie im EU-Programm Synenergene zur synthetischen und DIY-Biologie. Aktuell leitet er die Bio.Kitchen der UnternehmerTUM GmbH, ein offenes Wetlab zur Ermöglichung der Life Science des 21. Jahrhunderts. Rüdiger Trojok sagt regelmäßig vor deutschen und europäischen Behörden aus.

Seit 2009 beschäftigt er sich seit mit frugalen Innovationen und der Do-It-Yourself-Biologieszene und war Pionier einer Reihe von molekularbiologischen Experimenten mit kostengünstigen Geräten. Als freiberuflicher Forscher entwickelte er digitale Biochips, die biologische Laborverfahren automatisieren und integrieren. 2013 gründete er den gemeinnützigen Biotinkering Berlin e.V. zur Unterstützung von Open-Source-Biotechnologie-Projekten mit Bezug zu öffentlichem Leben, Politik und Kunst. Seine Arbeiten wurden in den deutschen Massenmedien vielfach vorgestellt, in Galerien und auf wissenschaftlichen Konferenzen in ganz Europa präsentiert, darunter im Ars Electronica Center in Linz.

Rüdiger Trojok ist der Entwickler eines automatisierten Phagensystems zum Aufbau umfangreicher Biobanken für Phagen zur Behandlung, das den Grundstein für eine zukünftige weltweit anwendbare Phagentherapie legt.

 

Publikation: Rüdiger Trojok: Biohacking. Gentechnologie für alle. Gebundene Ausgabe. 29. Februar 2016  

medeaphage.com