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Architektur

Im Rahmen des Modell­verfahrens Mäusebunkers soll die Diskussion um Denkmal­würdigkeit und Erhalt des ikonischen Gebäudes im inter­nationalen Diskurs der Bau­kultur geführt werden.

 

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Oliver Elser: SOS Brutalism

Eine Kampagne des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung zur Rettung der Betonmonster als Online-Datenbank, Social-Media-Projekt, Ausstellung und Katalog.

 

SOS Brutalismus begann mit einer Detonation. Im Jahr 2014 wurde der AfE-Turm gesprengt, ein Seminar- und Verwaltungsgebäude der Frankfurter Goethe-Universität. Das markante Hochhaus mit seinem außenliegenden wuchtigen Sichtbetonskelett wurde 1972 eingeweiht, nahezu zeitgleich mit zwei weiteren Bauwerken des Brutalismus in Frankfurt. Das Technische Rathaus (1972–1974), das Historische Museum (1969–1972) und eben jener AfE-Turm hatten die Bevölkerung und auch die Fachwelt von Beginn an polarisiert. Als Denkmale waren alle drei nicht ausgewiesen und so wurden sie nach gut 40 Betriebsjahren abgerissen. Statt Technischem Rathaus (Abriss 2010) und Historischem Museum (Abriss 2011) hat sich Frankfurt ein Stück neuer Altstadt und ein neues stadthistorisches Museum geleistet.

Das Foto zeigt ein Hochhaus, das gesprengt wird.
Die Gründungsidee von SOS Brutalism bestand in der Rettung und Kampagne gegen den Abriss des AfE-Turms in Frankfurt am Main von S. Werner und Heinrich Nitschke (1970–72)

Bild: Picturepest

Ein innovativer Umbau der Frankfurter Betonmonster hätte ein Zeichen für das Ende des Ressourcenverbrauchs und der Wegwerfkultur setzen können – stattdessen entstand ein neokonservatives Monument der Sehnsucht nach der guten alten Zeit.

 

Die Zerstörungswelle erfasst die Bauten des Brutalismus überall auf der Welt. Das Ensemble „Robin Hood Gardens“ der britischen Brutalism-Begründer Alison Smithson und Peter Smithson (1972 eingeweiht, 2018 abgerissen) zählt zu den prominentesten Opfern.

Ein Foto zeigt das Gebäude der Robin Hood Gardens.
Trotz einer internationalen Kampagne erfolgte 2018 auch der Abriss der Robin Hood Gardens von Alison und Peter Smithson (1966-72). Ein Fassadensegment wurde gerettet und vom Victoria and Albert Museum mit hohem Aufwand bei der Architekturbiennale Venedig 2018 präsentiert

Foto: Steve Cadman (Creative Commons)

Ein Foto von der Ausstellung „SOS Brutalism“ im DAM.
Ausstellungsansicht. SOS Brutalism im DAM, 2017. Vom Deutschen Architekturmuseum wanderte die Ausstellung nach Wien, Bochum, Aalen und Taipeh. Dabei wurde sie teilweise durch neue Kapitel ergänzt. Die Modelle wurden von Studierenden der TU Kaiserslautern gebaut

Bild: Moritz Bernoully / DAM

Dem Projekt liegt die Arbeitshypothese zugrunde, dass der Brutalismus seinen weltweiten Siegeszug erst ab Mitte der 1960er Jahre antrat, zu einem Zeitpunkt also, als der Architekturhistoriker Reyner Banham die Bewegung in seinem 1966 erschienen Buch "The New Brutalism. Ethic or Aesthetic?"(2) bereits für tot erklärt hatte. Dem Mangel an Theorie ab 1966 stand zum selben Zeitpunkt eine immense Konjunktur expressiver-skulpturaler Betonbauten auf allen Kontinenten gegenüber.

 

Banhams Buch sollte also fortgeschrieben und um eine weltweite Perspektive auf den Erhaltungszustand erweitert werden. Aus diesen ersten Überlegungen entstand die Konzeption als "Artenschutzprojekt" mit einer "roten Liste" akut gefährdeter Bauten. Ein Farbsystem wurde zunächst auf der Webseite, später dann im Katalog verwendet: Rot ist die Alarmfarbe, Blau bedeutet Denkmalschutz, was aber je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen kann, Grau heißt "steht unverändert herum" und Schwarz markiert sind die bereits abgerissenen Bauten.

Als Reaktion startete das DAM 2015 in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung eine internationale Kampagne, die unter dem Titel "SOS Brutalism – Save the Concrete Monsters!" mit dem Hashtag #SOSBrutalism zunächst im Internet begann (in Fortführung der Brutalismus-Initiative des KIT aus dem Jahr 2012) und schließlich im Jahr 2017 in eine Ausstellung mündete.(1) Damit aber war das Projekt längst nicht abgeschlossen. Die Datenbank sosbrutalism.org kann dank der Wüstenrot Stiftung bis Ende 2022 weiter gepflegt und als zentrale, internationale Wissensplattform ausgebaut werden. In mehr als einem Fall wurde bei der Unterschutzstellung eines Bauwerks seitens der Denkmalpflege damit argumentiert, dass es auf der Datenbank sosbrutalism.org gelistet sei. Bis Ende 2022 werden alle denkmalgeschützten brutalistischen Bauten in Deutschland auf der Datenbank eingetragen sein: Eine Momentaufnahme, die durch die Vereinigung der Landesdenkmalämter mit Daten und Fotografien unterstützt wird.

Eine Abbildung zeigt die Website SOSBrutalism.
Auf der Website des Projekts lässt sich die gesamte Datenbank einsehen und auch ergänzen

Bild: sosbrutalism.org

Parallel zur Einrichtung der Webseite, deren Programmierung der Medienpartner BauNetz übernahm, ging eine Social-Media-Kampagne an den Start. Mit dem Hashtag #SOSBrutalism wurde ein Begriff geprägt, der wie ein Codewort alle Initiativen und einzelnen Interessierten miteinander verbindet, die im Erhalt brutalistischer Bauten ihr gemeinsames Ziel sehen.

 

Durch das Hashtag-Monitoring, direkte Einsendungen der internationalen Brutalims-Community und eigene Recherchen wuchs die Datenbank von 200 Einträgen auf aktuell ca. 2160 Bauten, davon stehen 210 auf der Roten Liste.

SOS Brutalism wurde vom DAM als Pilotprojekt für ein neues Verständnis von Museumsarbeit konzipiert und steht für ein neues Modell, wie die Denkmalpflege mit einer interessierten Öffentlichkeit auf neuen Wegen in Kontakt kommen kann. Das Museum sollte auch bei anderen Themen seine räumlichen Grenzen überwinden und zu einem verlässlichen, öffentlich geförderten Bildungsangebot werden, das sein klassisches Programm der Ausstellungen, Kataloge, Archive und Bildungsangebote beibehält, aber in Zukunft zugleich wie ein Sendemast in die Welt funkt.

Die schiere Vernunft sollte dafürsprechen, in brutalistischen Gebäuden nicht zuletzt sehr viel graue Energie zu sehen, die nicht fahrlässig zu opfern, sondern durch intelligente Umnutzung zu bewahren ist. Die Generation des Brutalismus hat oft genug den vorgefundenen Kontext ausgelöscht. Damit sollte endgültig Schluss ein, ob man die Betonmonster nun ins Herz geschlossen hat oder nicht.

 

sosbrutalism.org

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Oliver Elser

ist Kurator am Deutschen Architekturmuseum und war im Sommersemester 2021 Vertretungsprofessor für Architekturtheorie am KIT in Karlsruhe. Ausstellungen am DAM u.a.: Das Architekturmodell – Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie (2012), Mission Postmodern (2014), SOS Brutalismus (2017). 2016 war er Kurator von Making Heimat, dem Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale von Venedig. Er ist Co-Gründer des CCSA (Center for Critical Studies in Architecture). 

 

 

(1) http://www.sosbrutalism.org – SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme, hrsg. von Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal (Ausst.-Kat. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main), Park Books Zürich 2017

 

(2) Reyner Banham, Brutalismus in der Architektur. Ethik oder Ästhetik? (Dokumente der Modernen Architektur 5, hrsg. von Jürgen Joedicke). Stuttgart/ Bern 1966