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Reimagining

Das Modellverfahren Mäusebunker steht für die Gestaltung eines Prozesses  – hin zu einer nutzungs­orientierten Analyse und Um­deutung dieser sperrigen, ikonen­haften Architektur.

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Johann König: Ein Mäusebunker für die Kunst.

Ein Gespräch mit Jule Froböse und Kristina Worthmann, September 2021

 

Johann König und Arno Brandlhuber reichen – nach zwei offenen Briefen mit einem Kaufinteresse am Mäusebunker – im Frühling 2021 ein konkretes Kaufangebot beim Berliner Senat für Wissenschaft und Forschung ein. Der Plan ist, das Gebäude „über disziplinübergreifende Zusammenarbeit zu einem Ort werden zu lassen, der es ermöglicht, langfristig kreative, kulturelle und wissenschaftliche Innovation neu zu denken, zu fördern und zu initiieren.“

 

 

 

Der Mäusebunker hat in den vergangenen zwei Jahren sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wann und wie hast du den Mäusebunker entdeckt?

 

Ich bin ein großer Fan von brutalistischer Architektur. In Berlin, aber auch wenn ich anderen Städten bin, zieht es mich an diese Orte. Vor 10 Jahren habe ich zum ersten Mal den Mäusebunker besucht, so wie man auf den Teufelsberg geht oder sich den Einsteinturm in Potsdam anschaut.

 

 

Wie hast du dann davon erfahren, dass das Gebäude nicht mehr länger genutzt und frei wird?

 

Das kann ich nicht mehr so genau sagen. Arno (Brandlhuber) hat mich damals gefragt, ob wir nicht nach Zehlendorf fahren sollen, um uns die Gebäude von Fehling+Gogel und den Hänskas anzusehen. Zu dem Zeitpunkt war offen, was mit den beiden Gebäuden wird. Wir hatten uns dann auch um beide bemüht. Einen Abriss konnte man sich gar nicht vorstellen. Ich sah keinen Grund, warum man den eleganten Bau von Fehling+Gogel nicht nachnutzen sollte. Beim Mäusebunker konnte man schon eher verstehen, dass ein adäquater Umgang damit nicht offensichtlich war.

Was mich an der Debatte stört, sind die veralteten Vorstellungen des deutschen Baurechts. Die Frage nach der Nutzung von speziellen und besonderen Räumen kommt dabei zu kurz. Im Sinne der Wärmedämmung und eines geringeren Energieverbrauchs wird oft gleich für den Abriss plädiert. Dabei werden die bereits aufgewandte Energie und der Energieverbrauch für den Neubau nicht berücksichtigt.

In St. Agnes mussten wir Wohnungen schaffen, weil das Gebäude in einem Wohngebiet liegt. Das ist nachvollziehbar. Insgesamt wird der Verbindung von Wohnen und Arbeiten recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt, was für mich unbegreiflich ist. Ich denke an Le Corbusiers Wohnmaschine in Marseille, in der Friseur, Einzelhandelsflächen und so weiter in einem Gebäude vereint sind.

Der Mäusebunker ist mit seiner sehr speziellen Bauweise nicht einfach fassbar. Was denkst du, welche Art von Nachnutzung dieses Gebäude hergibt? Plant ihr das Grundstück weiter zu bebauen?

Man muss so ein Gebäude nicht mit hundertprozentiger Auslastung planen. Wir würden die vorhandenen Räume im Rahmen des Möglichen anpassen und dann schauen, was sich unterbringen lässt. Das können Mini-Storages, Proberäume, Arbeitsräume für Künstler*innen oder was auch immer sein. Ich würde auf dem Grundstück lieber einen Skulpturengarten sehen, als noch etwas hinzubauen und fände es besser, man würde die Fläche frei lassen, weil es sehr schön ist, wie das Gelände zum Ufer und zu dem angrenzenden Naturschutzgebiet in der Nachbarschaft ausläuft.

Architektonisch sind alle Möglichkeiten offen. Weil die Zwischengeschosse für eine Nutzung zu niedrig sind, haben wir bereits davon gesprochen, sie zum Beispiel der Natur zur Verfügung zu stellen. Die Medien haben sich darauf gestürzt, aber das Thema der Co-Habitation, also dem Zusammenleben von Mensch und Tier, wurde dabei nicht richtig differenziert dargestellt. Das vermittelte mir das Gefühl, dass unser ernst gemeintes Angebot und unser Vorhaben missverstanden werden. Wenn der Regierende Bürgermeister und die Vertreter*innen der Charité das hören, nehmen sie uns nicht ernst und das steht dem Gesamtangebot im Weg. Deshalb bin ich in dieser Sache ein bisschen zurückhaltend. Aber ich glaube, so utopisch, wie sich das erst einmal anhört, ist es gar nicht.

 

Ihr seid mit St. Agnes bereits ein erfolgreiches Team gewesen, du als Galerist und Arno als Architekt. Wie stellt ihr euch die Rollenverteilung beim Mäusebunker vor?

Arno hat die Idee von St. Agnes in den Kulturbetrieb gestreut und unter anderem meine Frau und mich angesprochen. Wir haben St. Agnes im Erbbaurecht erworben, Brandlhuber+ Emde, Burlon haben dann den Entwurf gemacht und Riegler Riewe Architekten haben den Entwurf dann umgesetzt. Bei dem Mäusebunker wäre die Konstruktion eine andere, weil sich das Gebäude in einer anderen Dimension bewegt. Arno und ich wären haftende Eigentümer. Wir würden es kaufen, entwickeln und dann selbst oder in Partnerschaft mit einem Bauträger ausarbeiten. Das ist noch nicht im Detail durchgeplant, denn dazu müssten wir das Gebäude erst einmal bekommen. Ein erstes Ziel war es, den Abriss zu verhindern.

 

Das Foto zeigt eine Luftaufnahme der brutalistischen Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg.
St. Agnes Außenansicht.

Foto: Roman März

Das Foto zeigt eine Innenaufnahme der ehemaligen Kirche St. Agnes.
St. Agnes Nave. Courtesy of KÖNIG GALERIE.

Foto: Roman März

Das Foto zeigt das Beton-Treppenhaus der ehemaligen Kirche St. Agnes.
St. Agnes Treppenhaus. Courtesy of KÖNIG GALERIE.

Foto: Roman März

Das Foto zeigt das Beton-Treppenhaus der ehemaligen Kirche St. Agnes.
St. Agnes Treppenhaus. Courtesy of KÖNIG GALERIE.

Foto: Roman März

Könnt ihr euch das auch in einer anderen Betreiberkonstellation vorstellen? Eine, in der ihr das Gebäude „nur“ bespielen würdet, aber nicht das unternehmerische Risiko eingeht?

Mit meinem eigenen Geld gehe ich ein Risiko ein und habe die intrinsische Motivation, dass es ein Erfolg wird. Es hat mich gestört, das Gefühl haben zu müssen, nicht richtig ernst genommen zu werden. Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Denn es ist schon ein Commitment zu sagen, dass man sich um den Mäusebunker kümmert, mit der Bedingung, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Zuallererst müssen die schadstoffbelasteten Bauteile zurückgebaut werden. Die fachgerechte Entsorgung der belasteten Bauteile müsste selbst dann erfolgen, wenn das Gebäude abgerissen würde. Diesen Anteil am Gebäude – ganz egal wie es nun weitergeht – hat die Charité zu tragen.

 

 

Nun ist es ja so, dass die Stadt Berlin in den letzten Jahren ihre Grundstücke und Gebäude zum Ausverkauf angeboten hat. Man könnte annehmen, dass die Stadt zurückhaltender mit Verkäufen ist. Mit welchem Angebot tretet ihr an die öffentlichen Stellen wie den Bezirk, heran?

Mit dem Erhalt eines Denkmals, das ja ein öffentliches Interesse hat. Das ist ein Dienst an der Kultur. Arno und ich stehen mit unseren realisierten Projekten bereits für ein Programm. Die Ausstellungen in St. Agnes sind in der Regel an 6 Tage in der Woche für Besucher*innen offen. Es gibt auch die New York University, eine private Hochschule, die dort ohne besondere Auflagen ihren Studio Space hat. Die Entscheidung, Verlage und Magazine hier anzusiedeln, wurde auch sehr bewusst getroffen, weil sie in unserem Interessenfeld liegen.

Mit unserem Angebot zeigen wir einen Weg, wie man zu einer nachhaltigen Umnutzung kommen kann. Das würde sich auch auf den Bezirk positiv auswirken. Arno hat im Zuge seiner Lehrtätigkeit an der ETH Zürich mit Vereinen im Bereich Jugend oder Sport oder der Kunstschule gesprochen, um Bedarfe im Bezirk zu ermitteln. Der Mäusebunker ist ein Gebäude mit viel Platz, der dann zum Beispiel für die Musikschule nutzbar wäre. Man darf auch nicht vergessen, über welche Art von Gebäude wir hier sprechen. Es sind keine Rieckhallen, kein altes Kaufhaus oder irgendein Funktionsbau, sondern es handelt sich um einen „Problemfall“. Welche Alternative gibt es nun? Im Moment ist es der Abriss oder es als Denkmal einfach so stehen – und verfallen – zu lassen. Mir scheint, dass wir bisher den besten Vorschlag gemacht haben, einen, der auch die öffentliche Hand entlastet. Aber vielleicht endet das Ganze auch so, wie es bei dem Gebäude von Fehling+Gogel der Fall war, dass die Charité dann doch sagt, sie übernimmt, was in diesem Fall dann auch okay wäre.

 

Liegt eurem Angebot schon ein konkretes Nachnutzungskonzept bei? In welche Richtung wollt ihr gehen, wenn ihr an die Weiter- und Umnutzung des Mäusebunkers denkt?

Zuerst würden wir einen Eingriff vornehmen, um Licht in den Mäusebunker zu bringen. Für die Nachnutzung sieht unser Konzept Ateliers, Atelierwohnungen und unterschiedliche Institutionen vor, die dort auch ansässig werden, vielleicht auch Kunstinstitutionen oder eine Sammlung. Derzeit ist unser Problem, dass wir das Gespräch gesucht haben, aber keine Antwort auf unsere Briefe und das Angebot vom letzten Jahr erhalten haben und wir unsere Pläne nicht weiter konkretisieren können. Es gibt den städtebaulichen Entwicklungsdialog von der Charité, doch dazu wurden wir nicht eingeladen.

 

Das heißt, ihr wartet noch auf eine Antwort?

Genau, wir warten auf eine Rückmeldung. Diese Ungewissheit erschwert es uns, unsere Pläne zu präzisieren. Vielleicht ist es ja auch einfach nicht gewollt. Ich gehe aber nicht mehr davon aus, dass der Mäusebunker abgerissen werden kann, weil dazu das öffentliche Interesse zu groß ist. Die Ausstellung von Ludwig Heimbach ist nicht ohne Grund gerade im Rahmen der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig zu sehen. Ich bin sehr neugierig, welche anderen guten Ideen es noch gibt.

 

Johann König

 

Johann König (*1981 in Köln) eröffnete 2002 seine Galerie für zeitgenössische Kunst in Berlin, die er mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Lena König, leitet. Zusammen pachteten sie 2012 die Kirche St. Agnes, die mit Plänen von Brandlhuber+ Emde, Burlon zu Galerieräumen umgestaltet wurde. Die König Galerie vertritt inzwischen über 40 Künstler*innen und hat Dependancen in London, Seoul und Wien. Als Galerist verfolgt Johann König von Beginn an das Ziel, Kunst einem breiteren Publikum zu vermitteln und den Kunstmarkt zugänglicher zu machen.