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Greening Futures

Die Vorstellung einer Grünen Zukunft für unsere Städte ist gleichzeitig eine konsequente Erweiterung dieser baukulturellen Zielsetzung des Um-, An- und Weiterbauens als kreative Auseinandersetzung mit dem Bestehenden.

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Prof. Dr. Ing. Jan Wurm: Appell für die Biotransformation des künstlichen Felsens

Ordnet man die im Netz verfügbaren Abbildungen des Mäusebunkers entlang der Zeitschiene von Fertigstellung bis heute an, zeigt sich die Verwandlung seines äußeren Erscheinungsbildes: Wirkt das Gebäude zu Beginn der 1980er-Jahre als skulpturaler und nach heutiger Rezeption brutalistischer und maschinenhafter Monolith, erscheint er heute als ambivalentes Objekt, das Spuren der Witterungen abbildet und zunehmend Lebensraum für Moose, Flechten und Pioniergewächse bietet. Die beginnende Aneignung der Natur zeigt sich an den geneigten Flächen, Fugen, Kanten und Brüstungen – seit Aussetzen von Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten beschleunigt sich diese Besiedelung der Fassade. Der Mäusebunker ist menschgemachte Felsformation.

 

An großflächigen Gesteinsgebilden lässt sich ein ähnlicher Prozess beobachten – Nährstoffe lagern sich ab, Feuchtigkeit dringt in die poröse Oberfläche ein, und den Fließspuren des Niederschlagswassers folgt die Ansiedlung von pflanzlichen Mikroorganismen, die ihre Nährstoffe fast ausschließlich über die Luft oder herablaufendes Wasser erhalten.

 

Ein Beispiel für die bewusste Situierung des Kunststeins Beton als Substrat für Felsenvegetation in dem architektonischen Kontext ist die Behandlung der Seitenwände des Studios von Rémy Zaugg im frühen Werk von Herzog de Meuron aus dem Jahr 1995/96. Das auf dem Dach gesammelte Regenwasser fließt von einem Überlauf unkontrolliert über die Sichtbetonfläche ab und verwandelt diese allmählich in einen Lebensraum für Moose und Algen – die Betonwand wird so zur gemeinsamen Gestaltungsfläche von Mensch und Pflanze. (1)

 

Die Gebäudehülle des Mäusebunkers birgt ein ähnliches dialektisches Potenzial – zwischen Abgrenzung von der Natur und Angriffsfläche für die Natur. Das poröse Fassadenmaterial Beton und die perforierten, prismatischen Wandflächen des Gebäudevolumens bilden die Grundlage für die „Urbane Klippe“. (2)  

 

Das Foto zeigt den rohen, grauen Betonbau, auf dessen Wände sich die Spuren der Witterung abzeichnen.
Studio Rémy Zaugg, Mulhouse von Herzog & de Meuron.

Foto/Copyright: Christian Richters

Welcher Zustand ist schützenswert? Die ursprüngliche gesetzte Abgrenzung zwischen Kultur- und Naturschaffenden oder der aktuelle, der von der Fähigkeit des Gebäudes zeugt, die künstliche Grenzziehung aufzuweichen und mit dem umgebenden Ökosystem in Bezug zu treten?

Im ersten Falle wäre die originalgetreue Instandsetzung der Fassade und Sanierung der Betonoberflächen die Konsequenz, im zweiten die aus meiner Sicht zukunftsweisende Fragestellung, wie die substratbildende Eigenschaft bestehender Gebäudeoberflächen und die Wechselwirkungen mit dem umgebenden Naturraum gestärkt werden können – ohne dabei die Gebäudesubstanz grundlegend zu schädigen.

 

Mit seinen verschiedenen Ausrichtungen, Ausstülpungen und im Maßstab unterschiedlicher Porosität nimmt die Gebäudehülle direkt Einfluss auf Umweltbedingungen für Vegetation. Im Sinne des Co-Designs von Mensch und Natur müsste ein Rahmen für planerische Eingriffe entwickelt werden, die zu einem Qualitätsgewinn für Nutzer, Ökosystem und Gebäude führen. Also: das Erschließen des Gebäudes für eine Nachnutzung bei gesunden Aufenthaltsbedingungen und die Steigerung der ökologischen Vielfalt am Ort und die Bewahrung der Gebäudesubstanz. Die in dieser Haltung angelegten Zielkonflikte können nur mit den verschiedenen Stakeholdern gemeinsam verhandelt werden, auf Grundlage einer eng forschungsorientierten, inter-disziplinären Zusammenarbeit von Planern, Ökologen, (Mikro-)Biologen und Denkmalpflegern.

 

Ein Beispiel für einen solchen Konflikt ist die Sicherung der Tragfähigkeit des Betonbauteils bei gleichzeitiger Steigerung seiner Porosität und Wasserspeicherkapazität. Im Gegensatz zu aufwendigen bauchemischen Lösungsansätzen stellt der Prozess der Biomineralisation eine alternative Herangehensweise dar. Unter anderem an der Technischen Universität Delft unter Prof. H. M. Jonkers wird erforscht, ob die Kultivierung von kalzitausscheidenden Bakterien auf der geschädigten Betonoberfläche verlässlich Mikrorisse schließen kann, um so die Bewehrung vor Korrosion zu schützen (3). Dieses Vorgehen würde auch die Führung von Niederschlagswasser über Fassade und angrenzendem Freiraum zu dem nahen Teltowkanal als Grundlage für die Schaffung von verschiedenen Mikroklimaten an der Gebäudehülle ermöglichen.

Ein Foto von Flechten
Flechten

Bild: Public Domain, CC0

Die positiven Effekte der Gebäudebegrünung auf das thermische, visuelle und akustische Wohlempfinden von Menschen sind quantifizierbar und werden verstärkt in nachhaltigen Planungsansätzen berücksichtigt (4). Die Reduzierung von Oberflächen und Außenlufttemperaturen unterstützt zusätzlich passive und damit nachhaltige und robuste Lüftungsstrategien.

 

Der grundlegende Ansatz einer solchen „Biotransformation“ sollte meiner Meinung nach nicht sein, auf einen unitären Zustand von Gebäudegrün hinzuwirken, sondern vielfältige Lebensbedingungen zu schaffen, die ein Einpendeln eines natürlichen Gleichgewichts von Nutzungsanforderungen ermöglichen (5). Maßgeblicher Parameter hierfür ist die Aktivierung der Betonoberflächen als Substrat beispielsweise durch die Steigerung der Porosität, die Zuführung von Nährstoffen und Feuchtigkeit durch Regenwasser und Abluft sowie die Modellierung von Temperaturzonen. Mit dem geteilten Lebensraum und den damit neuen Beziehungen zwischen Gebäudenutzern und Umwelt entsteht ein neues Bewusstsein, in dem gebauter und natürlicher Lebensraum Teile eines bedrohten Ökosystems sind. Der Mäusebunker kann so zu einem Modellvorhaben für einen regenerativen Umgang mit Gebäudebestand werden.

Ein Foto von bemoosten Mauern.
Moos

Bild: Public Domain, CC0

Fußnoten

(1)    https://www.herzogdemeuron.com/index/projects/complete-works/126-150/133-studio-remy-zaugg.html

(2)    https://www.arup.com/perspectives/urban-cliffs-for-better-city-biodiversity

(3)     https://research.tudelft.nl/en/publications/from-waste-to-self-healing-concrete-a-proof-of-concept-of-a-new-a

(4)    https://www.arup.com/perspectives/publications/research/section/cities-alive-green-building-envelope

(5)    Wurm, Jan: Biopolis – Essay Detail 6/2021 Jubiläumsausgabe Nachhaltigkeit

 

Prof. Dr. Ing. Jan Wurm

Jan Wurm ist Architekt und hat in Aachen und Oxford studiert; 2006 promovierte er über Glastragwerke. Seit 2005 ist er bei Arup beschäftigt und leitet seit 2014 dort das Forschungs- und Innovationsportfolio des Unternehmens in Europa. Als Architekt mit einem tiefen technischen Verständnis hat Wurm eine Reihe erfolgreicher Produktentwicklungen geleitet, die das Potenzial biobasierter Prozesse und Materialien für das Bauwesen erforschen. Im September 2021 trat Wurm eine Professur an der Katholieke Universiteit Leuven (Belgien) für den Bereich „Regenerative Architecture and Biofabrication“ an.