Werkstatt

Wie könnten Mischnutzungsszenarien gestaltet werden?

Szenarien mit Wissenschaft, Kultur, Kreativwirtschaft, Co-Habitation und der Future of Health

Das Programmieren einer Mischnutzung

Werkstatt IV: 07.02.2023 im Studentendorf Schlachtensee

DAS PROGRAMMIEREN EINER MISCHNUTZUNG

ARBEITSGRUPPEN

Nach Inputs zu Flächenbedarfen, Nutzungsmischungen und Betreibermodellen, wird festgehalten:

  • Es bedarf einer zivilgesellschaftlichen Aktionsgruppe „mit Mandat“ für den Mäusebunker, um dessen Entwicklung operativ und politisch voran zu bringen
  • Pionier- bzw. Zwischennutzungen am und im Mäusebunker zu verstetigen, kann aus baurechtlichen, ökonomischen und kulturellen Gründen ein attraktives Modell sein.

 

Unter vorgegebenen Schwerpunkten wurde dann in verschiedenen Arbeitsgruppen ein Spektrum an Nutzungsmodellen zwischen den Polen von Wissenschaft und Kultur skizziert.

 

Arbeitsgruppe „Co-Habitation & Future of Health“

Die Arbeitsgruppe projektiert für den Mäusebunker eine radikal hybride Mischung aus Wissenschaft und Unternehmen, die von deren angewandter Forschung profitieren, sowie von Bereichen für die Vermittlung ihrer Innovationen. Ausgangspunkt ist ein biozirkuläres Wirtschaften, in dem z.B. die Abwärme einer Serverfarm im Innern des Mäusebunkers (die etwa einer IT-intensiven Forschung dient) als primäre Energiequelle für ein Indoor-Gardening genutzt wird. Weitere Forschungen könnten sich hier andocken, etwa zu nachwachsenden Rohstoffen, oder eine heilpflanzenbasierte Gesundheitswirtschaft. Dieser thematischen Klammer „One Planet – One Health“ widmen sich auch die vermittelnden, der Öffentlichkeit zugänglichen Bereiche.

Die äußere Gebäudehülle soll sich dagegen als „künstlicher Felsen“, als biologisch vielfältiges Habitat in die Grünräume am Teltowkanal integrieren.

Aufgrund des Schwerpunktes, der die Nutzungen nicht nur mischt, sondern untereinander verbindet, hat die Gruppe hier ein starkes Narrativ gefunden: das der umgewendeten Arche – „turned ark“ –, die wie in einer Katharsis für das dunkle Erbe des Tierversuchslaboratoriums jetzt den Aufbruch wagt aus den Aporien der Moderne in eine nachhaltige und co-habitäre Lebensweise.

Das Foto zeigt eine Arbeitsgruppe während der Werkstatt IV zum Modellverfahren Mäusebunker.
Arbeitsgruppe Werkstatt IV

Bild: Lioba Keuck Fotografie

Arbeitsgruppe „Wissenschaft und Kultur“

Es besteht die Möglichkeit, dass Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden jeweils Bereiche im Gebäude zugeordnet werden. Nur ist darauf zu achten, dass sie einander als Nachbarn auch vertragen. In diesem Fall wäre das Narrativ für den Mäusebunker ganz pragmatisch: Nutzung von Raumressourcen. Allerdings würde das Ikonische des Bauwerks und der Mehrwert seiner Geschichte verschleiert. Eine sorgfältige Kuratierung würde Forschende und Kulturschaffende in Kontakt miteinander bringen, die sich aus ihren jeweiligen disziplinären Perspektiven mit den Themen beschäftigen, die in den Diskursen um den Mäusebunker schon angelegt sind. Der „genius loci Mäusebunker" würde thematische Cluster, Kooperationen und Veranstaltungen hervorbringen, aus denen ein Narrativ erarbeitet wird. Das Narrativ „turned ark“ ist zum Beispiel eine solche Konkretisierung, mit dem Unterschied, dass diese die Programmierung des Mäusebunkers vorwegnimmt, und dass dort der Schwerpunkt auf Wissenschaft und Produktion liegt und Kultur eher im Sinne von Alltagskultur / Lebensführung in die Konzeption einbezogen wird.

Das Foto zeigt eine Arbeitsgruppe während der Werkstatt IV zum Modellverfahren Mäusebunker.
Arbeitsgruppe Werkstatt IV

Bild: Lioba Keuck Fotografie

Arbeitsgruppe „Kultur mit Kreativwirtschaft“

Unter dem Motto „Concrete Delusions“ das faszinierende Changieren zwischen Retrofuturismus und Dystopie soll der Mäusebunker als Inspirationsquelle für eine kreative Produktion an diesem Standort werden. Die Gruppe nahm die Inputs zu den Raumbedarfen der Berliner Kunstschaffenden und der Kreativwirtschaft sowie den Bedarf des Bezirks an Kulturorten zum Ausgangspunkt. Die kurzfristige Aktivierung schon der Freiräume am Mäusebunker durch temporäre Aktionen und Bauten wäre damit Teil einer Profilierung des Ortes und Auftakt einer sukzessiven Transformation des Mäusebunkers durch Pioniernutzungen. Der Kopfbau würde bereits mittelfristig für „Premium“-Nutzungen bereitet werden, während die hinteren Abschnitte nach und nach in Studios, Ateliers usw. umgewandelt werden. In diesem Modell bleibt Spielraum für die Aufnahme von Nachbarn, die nicht aus Kultur oder Kreativwirtschaft stammen (z.B. Wissenschaft) oder solchen, die lokale soziokulturelle Bedarfe adressieren und die attraktive Lage am Wasser erschließen.

Das Foto zeigt eine Arbeitsgruppe während der Werkstatt IV zum Modellverfahren Mäusebunker.
Arbeitsgruppe Werkstatt IV

Bild: Lioba Keuck Fotografie

Arbeitsgruppe „Berliner Mischung / Lichterfelder Mischung“

Die Arbeitsgruppe stellte den leerstehenden Mäusebunker als Raumangebot für die lokalen Bedarfe in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Diese lassen sich in drei Sparten aufteilen: Erstens für Bedarfe im Umfeld des Medizinstandorts, insbesondere Unterbringungen für Mitarbeitende oder Angehörige von Patienten, aber z.B. auch Räumlichkeiten für medizinnahe Forschungseinrichtungen. Zweitens: Bedarfe der Daseinsfürsorge, wie Sozialeinrichtungen, Bildungsräume, Nahversorgung. Drittens: die Schaffung eines Zentrums für Kreativwirtschaft, das in Austausch mit dem Kulturstandort Kraftwerk Steglitz zu sehen ist. Diese Mischnutzung zeigt Anknüpfungspunkte zu den beiden vorigen Skizzen. Die Nachbarschaft der Nutzenden weist noch keine intensive thematische Verknüpfung auf, diese kann sich allerdings noch ergeben. Das Bild, das die Arbeitsgruppe als Kern eines möglichen Narrativs gewählt hat, ist der „Kreuzer“ – der Mäusebunker also als Ort des Austauschs, der Überschneidungen und Kommunikation.

Das Foto zeigt eine Arbeitsgruppe während der Werkstatt IV zum Modellverfahren Mäusebunker.
Arbeitsgruppe Werkstatt IV

Bild: Lioba Keuck Fotografie

Fazit: Ausblicke

Die Arbeit an den Szenarien hat insofern auch ergeben, dass sich diese vor allem nach dem Grad und der Qualität der Mischung unterscheiden. Anknüpfungspunkte zwischen ihnen sind ja deutlich vorhanden. Dem Grad nach sind die Szenarien der Gruppe „Co-Habitation & Future of Health“ und „Kultur mit Kreativwirtschaft“ weniger stark gemischt als die anderen beiden. Der Qualität nach unterscheidet sich die Mischung in „Co-Habitation & Future of Health“ von den anderen drei insofern, als dass die Nutzungen thematisch stark miteinander verklammert sind. Diese Qualität wirkt sich offenbar darauf aus, wie eingängig und vermittelbar das Narrativ ist. D.h. die anderen drei Szenarien müssten bei der weiteren Schärfung Wege finden, den offenen Prozess, der dem Narrativ Raum zum Wachsen gibt, anschaulicher zu vermitteln.

 

In diesem offenen Prozess schlägt sich ein Gedanke nieder, der schon in der ersten Hälfte der Werkstatt entfaltet wurde: dass Zwischennutzungen nicht nur quasi sofort begonnen werden, sondern als Prinzip am Mäusebunker verstetigt werden könnten. Dafür braucht es zunächst einen Katalog von Minimalanforderungen – wie Schallschutz oder Brandschutz – die solche Zwischennutzungen und Mischungen ermöglichen. Zwei Vorteile bieten die Zwischennutzungen: in der Regel lassen sie sich aufgrund geringerer baurechtlicher und ökonomischer Hürden schnell umsetzen; und sie sprechen Menschen an, die besonders gut mit dem arbeiten können, „was da ist“, also auch den Geist des Ortes auf- greifen. Präzisierend wurde „Zwischennutzung“ durch den Begriff der Pioniernutzung ersetzt. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Pionier- Nutzungen mit dem Ort arbeiten, ihn aber (räumlich) verändern und Erfahrungen zu den „Dos und Don’ts“ der Mischung von Nutzungen produzieren. Neben einer Kuratierung der Nutzungen be- darf es eines begleitenden Gremiums, das bei der Steuerung und Auswertung der Erfahrungen im Prozess hilft. Es muss in der Präzisierung also herausgearbeitet werden, ob an Stelle eines „Endzustand“ in Nutzung und Betrieb das Modell einer permanenten Transformation an- gestrebt wird, die auch auf äußere Entwicklungen dynamischer reagieren könnte.

 

Für die Gestaltung des Übergangs vom Modellverfahren in die weitere Entwicklung des Mäusebunkers wurde im Plenum die Bildung einer Initiative „Freundeskreis für den Mäusebunker“ empfohlen. Es brauche möglichst sofort mutige und engagierte Menschen, um den jetzt eingeleiteten Prozess der Reaktivierung und Weiterentwicklung dieses Ortes fortzuführen. Zugleich – wie das Beispiel Haus der Statistik zeigt – gewinnt das Mandat einer solchen Initiative an Gewicht, je mehr sie in eine breite Akteurskonstellation eingebunden ist, die auch die zuständigen Verwaltungen und Vertreter*innen der Bezirks- und Landespolitik miteinschließt. Eine solche Flankierung der Prozessentwicklung und der persönliche Kontakt zu den Entscheider*innen ist unerlässlich, um zum Beispiel ein erfolgreiches Konzeptverfahren auszuschreiben und durchzuführen, dafür die Legitimation zu gewinnen und letztlich auch einfach einen langen Atem zu bewahren.

Das Foto zeigt Dr. Christoph Rauhut, den Landeskonservator Berlins, während der Werkstatt IV zum Modellverfahren Mäusebunker.
Werkstatt IV

Bild: Lioba Keuck Fotografie

„Wir haben viel über temporäre und Mischnutzungen gesprochen, nicht zuletzt, weil sie leichter zu genehmigen und auch vielversprechender sind. Gleichwohl bleibt es wichtig, dass wir auch hier realistisch in unseren Überlegungen sind: Was kann man mischen und was nicht? Was braucht es an Schallschutz, an Brandschutz usw.? Dies wird uns helfen einen Rahmen zu entwickeln, der zum Beispiel Mischnutzungen erlaubt. Der Denkmalschutz kann helfen, einige baurechtliche Hürden niedriger zu hängen, aber nicht alle.“

 

Dr. Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamts Berlin

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